„Modellfall Weißwasser“ würdigt als vierstündiger Theaterwalk einstige Bauhausgrößen samt Blüte der Stadt

Die Bahnhofsuhr auf dem Bahnsteig zu Weißwasser zeigt nicht fünf vor, sondern ist gar bei Punkt zwölf Uhr stehengeblieben. Das große Gebäude in stolzem Backstein daran ist heute eines der typischen Lausitzer Albtraumata, der einstmals beliebte wie praktische Kiosk seit Jahren verwahrlost, selbst die Touristeninformation im halligen Warteraum schloss zum 1. Juno. Nur die Schaufenster und Auslagen sind immer noch voll bestückt und zeigen, was alles los ist, hier genau zwischen Görlitz und Cottbus. „Wer Weißwasser kennt, weiß was er kennt“ steht auf einer dunkelblauen Schirmmütze, die es hier zu kaufen gab.

Denn der vierstündige Theaterwalk, hintersinnig betitelt mit „Das Masz aller Dinge“, beginnt hier im und am Bahnhof als allererstem Zukunftsort, an der Station „Willkommen“ mit Brot und Salz von östlichen Spätaussiedlern des Vereins „Miteinander“. Denn mit diesem begann 1867, als Preußen den sächsischen Wunsch einer Nebenbahn gen Görlitz von seiner Hauptbahn Berlin-Breslau erfüllte, der Aufschwung in das damaligen Heidedorf mit 500 Leutchen, die immer unter der Fuchtel der Adligen vom benachbarten Bad Muskau standen, die aber das Dampfross nicht vor der eigenen Nase haben wollten, brachte.

Da neben Platz auch Quarzsand und Kohle reichlich vorhanden waren, nahm Weißwasser einen enormen Aufschwung – und ward zum europäischen Zentrum der Glasproduktion schon zur Jahrhundertwende: Die Gründerzeit brachte elf Glashütten, fünf Glasraffinerien, dazu einige Kohlewerke und drei Ziegeleien in die Stadt, zwischen 1890 und 1910 vervierfachte sich die Einwohnerzahl – denn genau drei Viertel ernährte nun die Glasindustrie.

Der zweite Schub kam mit dem Kraftwerk Boxberg Ende der Siebziger. Noch einmal Verdreifachung in rund drei Dekaden, doch diese ward nach der Wende genauso schnell wieder abgebaut und man transformierte wieder zur Kleinstadt – nirgends in Sachsen sind die Sozialprognosen trüber – und das vorm Braunkohleausstieg.

„Das Masz aller Dinge ist der Mensch“: Neuferts Normenwesen in dessen Tempel zu Weißwasser ist die allererste Premiere der neuen Telux-Theatertruppe.

Wagenfelds Birnen und Neuferts Normwesen

Nun, zum 100. Bauhaus-Geburtstag, sprang man jedoch mutig mit auf den Zeitreisezug, der über s Jahr von Weimar nach Berlin rast, denn Ernst Neufert, per „Bauentwurfslehre. Handbuch für den Baufachmann, Bauherren, Lehrenden und Lernenden“ der Normenpabst aller Bauingenieure weltweit (2016 in 41. deutscher Auflage und bisher in 18 Sprachen erschienen), war nicht nur jahrelanger Gropius-Partner und letztlich erfolgloser Entwerfer einer halbautomatischen Hausbaumaschine (zehn Wohnungen pro Woche), sondern ward 1919 einer der ersten Weimarer Bauhausstudenten. Er baute Meisterhäuser in Dessau und wirkte, bevor er trotz Beharrung auf der von Funktionalismus und Rationalismus geprägten Bauhaus-Denkschule auf die Liste gottbegnadeter Architekten geriet, von 1934 bis 1944 als Hausarchitekt der Vereinigten Lausitzer Glaswerke, vorm Krieg der größte Kelchglasproduzent in Deutschland, danach, als es maschinell wurde, größte Glashütte der DDR.

Hier baute er nicht nur Siedlungen, Bürohäuser und Fabriken, sondern auch die Direktorenvilla und das Zentrallager, letzteres heuer Neufert-Bau genannt und mit Porträts, auch von zehn anderen Stadtpersönlichkeiten, garniert.

Dies ist die zweite Station, in der beim Modellfall seine weiße Normwesen hausen: eine frisch gegründete Telux-Theatergruppe, die sich in ihrer allerersten Premiere tänzerisch genau die Quadratmitte abschreitet und chorisch dem Thema widmet, um im teppichausgelegten Erdgeschoss des aus 490 gleichförmigen Quadern bestehenden hohen wie schlanken Lagers,das humane Motto der  Wiederbelebungsmaßnahme klug variierend im „Normen-Tempel“ zu propagieren, denn: „Das Maß aller Dinge ist der Mensch!“

Bereits zuvor, zum Start auf dem Bahnhofsvorplatz, hatten der Bauherr und sein gleichaltriger Vetter im Bauhaus-Geiste, der Glasdesigner Wilhelm Wagenfeld, gespielt von den Schauspielern Sebastian Straub und Heiner Bomhard, die Besucher eingebürgert und sich gestritten: Neufert will mit dem letzten Zug nach Berlin, Wagenfeld erpresst ihn mit Hitlers Liste – und so erfahren wir sein Geheimnis: „Normierung, Standardisierung, Typisierung machen den Kopf frei!“

Der Dialog, der in der ebenso stillgelegten Glasfachschule, nunmehr zur „Gebrauchsakademie“ erhoben, per Gedankenblitzschach fortgesetzt wird, ist einer von drei schlauen Texten von Paul Brodowsky, die von Regisseur Stefan Nolte als eine Art Modellfallintendant szenisch funktionierend  eingerichtet sind, während Projektleiterin Christine Lehmann im Hintergrund die Fäden zusammenhält.

Vorm Telux-Rundgang durch die Glastransformation wartet die Modellfall-Hymne von Bernadette La Hengst und dem Chor der Verwandlung.

Denn die Logistik ist bei sieben Stationen durchaus anspruchsvoll, für Fußlahme pendelt ein Bus hinter zur Telux als Station „Verwandlung“, wo eine schlichte, aber wirkungsvolle Performance in dem riesigen teilsbelebten Gelände mit etlichen teils schiefen Nichtraucherschornsteinen, aber mit der neuen Subkultperle „Hafenstube“ am Start, wartet.

Hier, in den ehemaligen Osram-Werken, seit fast zwei Dekaden fledermausreif leise, warten nach dem Ständchen von Bernadette La Hengst als goldene Frontfrau an der E-Gitarre und dem vielstimmigen „Chor der Verwandlung“ (bekannt als Stadtchor) mit ihrer Zukunftshymne, drei Zeitzeugen und gestalten einen eindrucksvollen Rundgang, der en passant den Wandel erklärt: Noch sind hier so viele Glaskolben übrig, deren Wert plötzlich negativ ist, so dass man durch Zertrampeln – per Film durch die lokalen Linedancer vom TSC Kristall WSW, nunmehr „Crystal Eagles“, rhythmisch zelebriert – oder durch eigenes, meist sehr zögerliches Wegwerfen plötzlich Gutes tut, denn die Kristalle sind neuer Rohstoff, während lagern kostet.

Der Wolf im Volkshaus (statt Fuchsbau)

Die perfide Effizienzlogik des Systems lässt grüßen, jeder bekommt ein Beutelchen Scherbenglück und ein hintersinniges Manifest der Telux-Transformation mit auf den Weg. Der ist auf giftgrünen Faltplan mit dem Titel „Kunst und Theater. Zukunftsorte“, natürlich normgerecht quadratisch gefaltet, verzeichnet und am besten zügig und nach eigenem Gusto zu erledigen, sonst schafft man nicht alles, darf aber für zwei Euro Nachbuchung wieder kommen.

Bauhaus- und Normengott Ernst Neufert sowie Glasdesigner Wilhelm Wagenfeld, gespielt von Sebastian Straub und Heiner Bomhard, laden maßvoll zum Modellfall nach Weißwasser.   Foto: Andreas Herrmann

Bittet um Rettung per Sanierung und Wiederbelebung: In Emil Langes Volksbauhaus, von 1928 bis 2004 Kulturherz der Stadt, heult derzeit der Polarwolf.
Fotos: Andreas Herrmann

Doch Vorsicht ist geboten: Überall lauern Auskenner mit Anekdoten, wobei sich einige sogar entschuldigen, just hier hängengeblieben zu sein. Besonders spannend – neben  Telux und Neufert-Bau – dabei das Volkshaus: Das einstige Gewerkschaftshaus, einst per Groschen pro Monat vorfinanziert, ist ein Musterkulturbau von Emil Lange, ebenso Bauhaus-Syndikus. Ein quirliger Rentner aus dem Freundesverein, der sofort eine extra Wolfsführung ins mittlerweile dunkle Gebäude organisiert, nachdem er die Geschichte auf zwei Seiten referiert hat und auch einen seltenen Edelband zu 100 Jahren Bärenhütte (wertvoll, weil nie erschienen, denn kurz vorher zugemacht) zu bieten hätte, will hier unbedingt seine Goldene Hochzeit feiern. Vier Jahre bleibt den politischen Strukturwandlern dafür Zeit, der Kulturtempel, von 1928 bis 2004 Kulturherz der Stadt, ist seit 2006 teilweise ausgeräuchert, und steht nun da als Sanierungsfall neben der Schnitterbrache der alten Brauerei – mit neuer knallgelber Bauhütte (statt- haus) als lebendiger Ideenbriefkasten von Stadtbaumeister Thormann bewohnt. Hier endet der Premierenabend mit einem ebenso wie alles zuvor herzlich improvisierten Feuerwerk, denn Pyrotechnik ist auch hier ein Versprechen.

Nach dem vierten Theaterwalk lud das Telux noch zum abschließenden Ein-Tag-Festival, welches am Sonntagmorgen dann mit dem Kulturbrunch im Glasfachschulgarten endet. Dann kommen die Jahre der Wahrheit: Heult der Wolf im Volkshaus oder gelingt der Wandel? An Weißwassers Wesen wird er maßvoll gemessen werden.

 

Andreas Hermann

 

 www.modellfall-weisswasser.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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