Die Dresdner Meisterschülerin Wiebke Herrmann wählt Gundermanns KuFa zum Start ins freie Malerleben

Erst das Tapetenwerk in Leipzig, dann die Motorenhalle in Dresden, danach die KuFa in HoyWoy, die eigentlich 2018 in Gundersmann Licht erstrahlt: Auf Wiebke Herrmann, Dresdnerin des Jahres 1987, warten heiße Wochen mit drei Vernissagen in drei Wochen. Und obwohl sie in Leipzig von internationaler Klasse und in Dresden von ihren 17 Meisterschüler-Kommilitonen des Jahrgang als Umfeld sekundiert wird, erwartet sie letztere mit der größten Spannung respektive Vorfreude.

Deren Fakten, glasklar terminiert, lesen sich wie folgt: „Kunstraum IX: Flügge – Wiebke Herrmann / Malerei; Vernissage am 14.9.18 um 19 Uhr.“ Ort des Geschehens: die Kulturfabrik in Hoyerswerda. Was nach diesem Sommer natürlich keinem vom Ofen lockt. Dafür aber folgender Zusatz: „Die Dresdner Malerin (ward) bereits 2015 mit dem sächsischen ART-Preis für junge Kunst und von Spiegel-Online zur besten Nachwuchsmalerin deutscher Kunsthochschulen ausgezeichnet.“

Das macht neugierig: die so Geehrte will nach HoyWoy? 49 Minuten braucht sie, bis auf eine recht lapidare Nachfrage, die eigentlich nur zur lockeren Anrecherche gedacht war, ein ausführliche Antwort in lupenreinem Deutsch im Elektropostfach landet: „In Hoyerswerda werden die aktuellen Arbeiten der letzten zwei Jahre gezeigt. Im September enden auch die zwei Jahre meines Meisterschülerstudiums und ich bin nun nach langen Jahren an der Kunsthochschule wirklich „flügge“. Die Ausstellung ist auch seit längerem die Erste, die ich solo bestreite und hat für mich persönlich deshalb einen hohen Stellenwert. Wie der Titel schon vorgibt, markiert sie einen wichtigen Wendepunkt in meiner künstlerischen Laufbahn, ist quasi Ende und Anfang zugleich.“

Das kam echt unerwartet – wie alles weitere, denn auch ihre Meriten, messbar in Presseresonanz, sind durchaus beachtlich und gipfeln in dem Netzvoting beim Spiegel, dass sie per purer Resonanz gewann. Dennoch weiter im Text: „Ich freue mich schon in den schönen Räumlichkeiten der Braugasse zurückzutreten und einen objektiven Blick auf mein Schaffen als Meisterschülerin zu werfen. In Mittelpunkt stehen drei Serien mit jeweils klein-, mittel- und großformatiger Malerei: figürlich, realistisch, einige selbstreferenziell, einige mit Augenzwinkern, einige mit tieferen Bedeutungsebenen und einige Arbeiten, die aus purer Lust am Handwerk und an der Farbe entstanden sind.“

Plädoyer pro Lausitz

Das bekommt kein PR-Mensch markanter hin – also auch kein Journalist. Daher der Rest: „In Hoyerswerda setze ich – auch auch wenn es möglicherweise im ersten Moment paradox klingen mag – größere Erwartungen als an Ausstellungsstädte wie Leipzig oder Berlin. Erfahrungsgemäß sind es gerade die kleineren Orte, welche Raum, Ruhe und Aufmerksamkeit für eine gelungene Ausstellung bieten – mehr als die übersättigten Großstädte mit ihrem Überangebot von Kunst und Kultur.“ Nach diesem Plädoyer pro Lausitz war das Thema gesetzt – und zwei rasche Termine in ihren beiden Ateliers problemlos möglich.

Im kleinen, aber hellen Atelier auf der Leipziger Straße, umgeben von aktuellen Baustellen, der so genannten Hafencity und am Alten Leipziger Kopfbahnhof in der so genannten Leipziger Vorstadt, hängen zwei Serien, die sie nur in Hoyerswerda zeigen wird: Der „Schwarm“ als durchaus völlig verschiedene Charakterporträts einer ausgestopften Schopfwachtel und „The Sporting Life“ mit Freundesporträts in verschiedenen Sportklamotten. Aber auch Bildnisse ihrer doppelsinnigen Großbildserie namens „Wildfang“ kommen mit. Ein Pferdeschwanz, gehalten von Menschenhand, oder eine Frau, die wie in Hypnose über einem Pferderücken schwebt, sind darunter.
Warum denn immer wieder Tiere mit markanten Gesichtern? „Ich überlege ständig, wie sie uns beobachten. Wir deuten ihnen Seele oder Bewusstsein zu – aber was sehen in uns?“ So erklärt sie ihren nur auf den ersten Blick und auch nur scheinbar naiven Realismus. Ein Anschein, der bei jeder längerer Betrachtung schnell schwindet.

Dresden ist ihre Heimat, dazu steht sie auch nach dem Studium, daher war ihre Bewerbung an der dortigen Hochschule für Bildende Kunst (HfBK) die ernsthafteste, die gleichzeitig eingereichten Mappen für Leipzig und Berlin (je 25 Blatt) nicht ganz so exklusiv. „Klar hat die Stadt ihren eigenen Ruf – konservativ und wertbehaftet. Aber wer sich genauer umschaut, merkt rasch, dass dieser täuscht. Schon allein unsere Hochschule: die Ausrichtung in alle Richtungen offen, dazu geniale Lage und grandiose Arbeitsbedingungen.“ So schwärmt sie, während übers Dachfenster ein Schwarm verirrter Zugvögel schwirrt und später ein knallrot-kitschiger Sonnenuntergang die Baustelle der Augustusbrücke zum tausendfachen Fotomotiv der über die vorm Tor auf der Brühlschen Terrasse flanierenden Touristen kürt, während das Elbfilmnächtekönigsufer gegenüber dösend auf „Loving Vicent“ wartet: ein fiktiver Trickfilmkrimi mit van Gogh als Vorbild wie Klammer – von der jungen polnischen Malerelite mit Riesenaufwand im Breslauer Filmstudiomekka neben der Jahrhunderthalle in tausenden Einzelbildern gemalt – just in der Zeit, als sie mit anderen auserwählten Dresdner Diplomanden dort per „To Wrocław, to Wrocław“ die Kulturhauptstadt 2016 beehrte.

Dank den beiden Auszeichnungen waren nach dem Diplom alle ihre Bilder ausverkauft – und sie hatte Geld für eine Auszeit. Zweieinhalb Monate tourte Herrmann, dann fing sie ihr Meisterstudium bei Christian Macketanz an, welches nun mit der Ausstellung „Meister2018“, Vernissage just eine Woche vor „Flügge“, als Status endet. Davor noch rasch „Let be pressure be pleasure!“ in Leipzig, die fünf Tage vor ihrem Hoyerswerdaer Solo endet, so dass einige „Wildfang“-Bilder noch rasch rüber wechseln können.

Keine Botschaften – jenseits der Bilder

Seit 2014 betreibt sie eine eigene Netzpräsenz – karg und nur in englischen Stichpunkten gehalten. Auch das eine bewusste Entscheidung: „Der Kunstmarkt ist nun mal international – und ich habe jenseits meiner Bilder auch keine große Botschaften.“

Ob man denn die Werke in Hoyerswerda auch gleich kaufen kann, fragt man ganz vorsichtig. Natürlich, es wird irgendwo eine Preisliste geben, schmunzelt sie flott, wobei gern alles selbst in der Hand hat und sich auch nicht so rasch in die Obhut eines Galeristen zu versenken gedenkt. Auch das große Bild, welches sie derzeit noch in den hohen wie lichten Malerhallen der einst königlichen Kunsthochschule, die ihr noch inspirierendes Kunstasyl bieten, vollendet, welches beim Besuch noch ein Paar auf dem puren Parkett einer vermutlich neuen Bleibe zeigt und bei dem noch Haut und Gesichter nackt im wärmstmöglichen Grundton, im Jargon „Terra die Siena“ genannt, prangen, wird dann dabei sein.

Nur die Sportserie, die in ihrem kleinen Atelier auf der anderen Elbseite hängt, will sie eigentlich nicht einzeln verkaufen. Ihre Modelle – gute Freunde als Menschen ihrer Generation – können (oder wollen) sich solch‘ ein Selbstporträt nicht leisten und sie wirken natürlich, wie man bald sehen kann, zusammen nebeneinander am besten.

Selbst Sport treibt sie hingegen nicht. Schwimmen, Radeln oder gedankenvolles Wandern in oder durch die Natur taugen eher zur Inspiration. Genau wie ihr Nebenjob in einem großen Popcornkino am Rande von Stadt und Autobahn: „Es mag seltsam klingen, aber dort an der Kasse oder beim Saalputzen kommen mir – so wie beim Autofahren – die besten Ideen.“ Man darf also auf die Flügge-Laudatio in HoyWoy gespannt sein. Und auf die folgende Umsegelung.

Andreas Herrmann
Bild: Noch gesichtslos und unbetitelt: Mit diesem Werk kommt Wiebke Herrmann nach Hoyerswerda und wird dort flügge. Foto: Andreas Herrmann

Info:
www.wiebkeherrmann.de/works/
www.kufa-hoyerswerda.de/kunstraum-ix-fluegge.html

 

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