Die Liebe im Ernstfall

Diogenes, 288 Seiten, 22 EUR

Daniela Krien hat für ihren neuen Roman einen altbekannten und oft behandelten Untersuchungsgegenstand gewählt: „Die Liebe im Ernstfall” (Diogenes, 288 Seiten, 22 EUR). Und wie sie, eine begnadete Erzählerin, ihre Analyse betreibt! Sie geht den Lebenslinien von fünf Frauen ostdeutscher Sozialisation in unserer Gegenwart nach. Sie sind untereinander verwandt, befreundet, bekannt. Ihre Wege nähern sich, kreuzen sich, entfernen sich wieder voneinander. Alles hat mit ihren Beziehungen zu tun, mit der Männerwelt also. Es gibt Affären, Bindungsängste und -wünsche, Bedürftigkeit, Doppelt- und Mehrfachbeziehungen. Der Regenbogen an Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten spannt sich über das ganze Buch. Hier treffen emanzipierte Frauen auf Männer, die gern noch alten Schemata folgen. Das ist famos erzählt, hinterfragt unseren Alltag und ist, nein nicht männerfeindlich, aber -kritisch. Nein, so schlecht sind wir gar nicht. Aber auf jeden passt wohl eine Farbe dieses Regenbogens.

S. Fischer, 382 Seiten, 24 EUR

Suhrkamp, 382 Seiten, 24 EUR

Wie gut, dass manche Autoren Angekündigtes nicht wahrmachen. Isabel Allende hatte vor ein paar Jahren verlautbart, dass sie keine Romane mehr schreiben wolle. Seitdem hat es sie zum Glück ein paar Mal übermannt (oder besser: überfraut?). Mit „Dieser weite Weg” (S. Fischer, 382 Seiten, 24 EUR) ist ihr ein Buch gelungen, das eine dramatische, figuren- und ereignisreiche spanisch-chilenische Familiengeschichte vor den blutigen Putsch-, Bürgerkriegs- und Diktaturkulissen der Dreißiger- und Siebzigerjahre erzählt. Zugleich ist es eine Hommage an den Dichter Pablo Neruda und Präsident Salvador Allende. Wieder hat sie sich für das Ende eine ganz überraschende Wendung einfallen lassen. Packender Lesestoff, der auch viele Facetten der Flüchtlingsproblematik streift.

Aufbau, 360 Seiten, 22 EUR

Aufbau, 360 Seiten, 22 EUR

Louise Erdrich, Schriftstellerin mit deutschamerikanischen und indianischen Wurzeln, hat wieder einmal tief aus ihren Herkünften geschöpft und ein spannendes, freilich deutlich überladenes Erzählwerk geformt: „Der Gott am Ende der Straße” (Aufbau, 360 Seiten, 22 EUR). Einerseits ist es eine Dystopie, die heute nicht so fern scheint: Die Natur hat den Weg der Evolution umgekehrt, und die meisten Neugeborenen kommen mit Fehl- und Rückbildungen zur Welt. Frauen, deren Embryos eine normale Entwicklung versprechen, werden interniert und für „Zuchtzwecke” missbraucht. US-Staat und Kirche steuern einen rigiden Kurs. May Potts, die schwangere Protagonistin, entzieht sich durch Flucht. Erdrich schlägt noch ein zweites Thema an. Die Schwangere hat gerade erfahren, dass sie in einem Indianerstamm wurzelt und von einem weißen Ehepaar adoptiert worden ist. Dem geht sie nach. Viel Spannung, die zuweilen die Logik auffrisst und Tiefgründigkeit vermissen lässt.

Ullstein, 380 Seite, 22 EUR

Ullstein, 380 Seite, 22 EUR

„Dschungel” (Ullstein, 380 Seite, 22 EUR) heißt der Erstlingsroman des Journalisten Friedemann Karig. Er erzählt von einer Jungenfreundschaft mit vielen Abenteuern, bei denen nächste Umgebung wie Dschungel wirkt, und deren Fortsetzung im Dschungel Kambodschas auf der Suche des einen Freundes nach dem anderen, der dort vermutlich verschollen ist. Da heute kein Roman mehr mit einem einzigen Grundthema auskommt, müssen sich hier das Mobbing in Kinder- und Jugendgemeinschaften, Aussteigertum und dazu die Verbrechen der Roten Khmer bündeln. Trotzdem: sehr atmosphärisch erzählt.

Klaus Wilke

 

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