Entschuldigen Sie bitte, komme ich zu spät? Ist der Hype schon vorbei? Wenn ich jetzt noch auf den Zug aufspringe, wirkt das überhaupt noch frech und fresh? Es geht um Folgendes: Tesla kommt! Einer der vielleicht innovativsten Konzerne auf der Welt will in Europa Fuß fassen – und zwar von Brandenburg aus.

Was klingt wie ein Witz für Betrunkene ist tatsächlich nachvollziehbar. Berlin und Hamburg sind die Bundesländer mit den meisten Unternehmensgründungen. Und wer kommt direkt danach? Brandenburg, kein Witz. Hier wird fast doppelt so viel gegründet wie im Schlusslicht Thüringen. Auch das ist konsequent, besinnt man sich dort doch gerade sowieso eher auf Alt-Deutsche Traditionen. Sie wissen schon, Bratwurst, Waldspaziergänge und Faschisten an die Macht bringen.

Aber zurück zu Tesla: Chef Elon Musk lebt für viele DEN Traum. Er hat eine Menge Geld und gibt es für abgefahrenes Zeug aus. In 10 Jahren will eine seiner Firmen Marsreisen anbieten. Ferientripps in lebensfeindliches Terrain, lange und beschwerliche Anreise inklusive. Wie bekomme ich da jetzt eine elegante Überleitung zurück nach Brandenburg?

Die Ankündigung wurde hier aufgenommen, wie die Ankunft des Messias. Tausende und Abertausende an Arbeitsplätzen werden entstehen, Tesla wird der Mark Selbstvertrauen schenken und uns auf der Liste der Wirtschaftsregionen in ungeahnte Sphären katapultieren. Woher kenne ich dieses Gefühl? Gab es so was nicht schon mal?

Brandenburg hat mit Großinvestitionen doch schon immer gute Erfahrungen gemacht. Davon zeugen die elektronischen Bauteile aus der Chipfabrik in Frankfurt, die vom BER aus mit Luftschiffen aus Brand in alle Welt verschickt werden. Was für ein tolles Postkartenmotiv. Und wo bleibt eigentlich Skepsis? In Amerika ist Musk mit seinen Fabriken auch durch Niedriglöhne und schlechte Arbeitsbedingungen aufgefallen. Und auch wenn er ein Freund definitiver Zusagen ist: Eingehalten werden diese dann doch oft nicht.

Es bleibt also spannend. Lassen Sie mich diese Kolumne mit einem krassen Themenbruch zu Ende bringen, mit etwas Besinnlichkeit – auf meine Art. Weihnachten steht vor der Tür. Als treue Leser dieser Kolumne wissen Sie um meine Affinität zu Glühwein auf Weihnachtsmärkten. Diesen, fast schon magischen Orten, an denen Tradition auf Plastik trifft und wo Konventionen auf den Prüfstand kommen. Denn, wer sich zum Beispiel in der Öffentlichkeit hemmungslos betrinkt und Fremden in die Schuhe pinkelt, wird normalerweise sozial geächtet. Es sei denn, die Zahl der Hemmungslosen übersteigt einen kritischen Wert. Dann ist es Kulturgut. Wenn Sie wollen, treffen wir uns dort. Falls nicht, lesen wir uns 2020 wieder. In beiden Fällen: Kommen Sie gut ins Neue.

Sebastian Schiller

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