Die Musikfestivalitis in der Oberlausitz gebärt immer neue Blüten – ein unchronologischer Sommerrundflug

Eine Schwalbe macht zwar noch keinen Sommer, dafür einige Oberlausitzer eine exorbitante Festivalitis musikalischer Art. Und es lässt sich 2019 feststellen: die Pampa lebt! Während das Festival La Pampa in Hagenwerder am Neißehochwasser 2010 ersoff, gibt es seit 2015 mit Los Pampos eine Art Wiederbelebung unter ähnlichem selbstironischem Titel in Zschorna. Damals kam DŸSE angedüst, nun gibt es am 30. und 31. August, quasi als Wahlprolog für die Lausitzer beider Länder, die vierte Neuauflage. Am Freitag starten die Lokalhelden von ZK Kompressor ehe aus Northeim Stricken und Rauchen spielen. Am 31. August kommen dann in dichter Folge das fulminante Conny Ochs Duo aus Halle, Tschaika 21/16 aus Berlin, Westdead aus München und Trieblaut aus Dresden.

Sie erstaunlichste wie ambitionierteste Neugründung ist allerdings Kommen und Gehen, welches zuvor vom 16. bis 24. August als „Sechsstädtebundfestival“ seine zweite Auflage erfährt. Es will klassische Musik mit Popkultur verbinden und neue musikalische Perspektiven mit dem kulturellen Erbe der Region verbinden.

Ein stimmungsvolles wie gewagtes „Eröffnungskonzert zwischen Berg und Tal“ in der nach oben offenen Klosterruine auf dem Oybin, den die Organisatoren zu „einer Wiege der Kulturgeschichte der Oberlausitz“ erklären, läutete die herrlich frische Freitagnacht ein. Dazu wechselten die einheimische Gregorian Dub Foundation an diversen Laptops, Tasten- und Saiteninstrumenten mit dem 16-köpfigen Liberecer Chor Cum Decore ab, wozu im Hintergrund das Prager Kollektiv Antikomplex die Ruine trickreich illuminierte und die schönsten Momente im reinen, unverstärkten Gesang hatte. Pünktlich nach dieser Stunde stieg der fast volle Mond hinter den Bergen auf und beleuchte weiter unten mystisch im Tal den Neiße-Nebel – Caspar David, einstiger Wiegenmaler, hätte an diesem Abend seine pure Freude gehabt, der vor allem dank der Kulisse zum Ereignis geriet. Am Sonntag folgte unter dem einprägsamen Titel „Eine musikalische Ausfahrt entlang der Via Regia durch Raum und Zeit“. Da die Reise als geführte Bustour mit diversen Kammermusikkonzerten (unter anderem mit Annette Rössel, Kiki Bohemia, Marta Uchmanowicz, Zofia Zborja sowie Eduardo Mota und Tobias Vethake) in den Schlössern Gröditz, Königshain und Krobnitz fast die halbe sächsische Via Regia umfasste, aber in Zittau startete und über Görlitz führte, waren Zeit und Raum schon rein faktisch sehr weit gefasst und gebaren für die Stammbrigade aus dem Strahwalder Umfeld, welches auch die besonderen Kultgemeinden Herrnhut, Großhennersdorf und Lückendorf im Dreiländereck umfasst (und damit die Kulturherzstadt Zittau herzlichst einschließt), einen halben Tag Reise plus drei Konzerte inklusive einer Weltpremiere. Auch das Haus Schminke in Löbau, der Hauptstadt von Hexapolis, machte mit: „Bauhaus in Form und Klang“ hieß es bei „Feininger Now!“ mit Akkordeonistin Susanne Stock und Klarinettist Georg Wettin.

Wie im Vorjahr lockt die größte Show auf den Zittauer Markt. Diesmal heißt es am 24. August „Platz nehmen“ und es spielen das Blind Mass Orchestra, das Stegreif Orchester, die Gregorian Dub Foundation und Schönfisch, während das Neiße-Filmfestival den Experimentalfilm „Die Sinfonie der Ungewissheit“ von Claudia Lehmann und Konrad Hempel beisteuert.

Freier Eintritt mit Spendenchance: Das letzte Fokus-Festival vorm neuen Rabryka-Zentrum.
Foto: Andreas Herrmann

Stadtteich in Kulow, Grenzrodeo in Neusalz

Gestartet war der Lausitzer Festivalsommer schon weit früher: mit dem Rock’n Wagon in Sandförstgen Anfang Juli im Wald nördlich von Weißenberg und mit dem 7. Stadtteichfestival in Wittichenau Anfang August, rund acht Kilometer südlich von Hoyerswerda, organisiert von United Clubs for Kulow (so der sorbische Name) als Dachverband der Wittichenauer Jugend. Hier wieder wie im Vorjahr als Tanzband angereist: die Gruppa Karl Marx Stadt aus Chemnitz mit ihrem  dynamischen Russendiskobalkapop.

Das Park Open Air Löbau ist hingegen schon wieder Geschichte, denn statt benötigter mindestens 4 500 Zuschauer kamen 2018 zur Premiere laut Veranstalterangaben nur rund 2.500 Zuschauer, wobei die alten Herren von Sweet als Inselzugpferde durchaus überzeugten. Ganz anders das Grenz Rodeo Open Air in Neusalz-Spremberg, tief im Manegensand vom Pferdehof an den Schmiedesteinen, direkt neben Grenze und Oberspree gelegen (23./24. August): Es ist allein schon wegen dem Ambiente, eine Reiterarena mitten in der Natur des oberen Spreetals mit herrlichen Echoklang, ein Erlebnis. Veranstaltet vom Kulturbruch e.V. spielen dieses Jahr am Freitagabend die Starfucker ihr „Tribute To The Rolling Stones“, bevor Quasi ne Band genau dies simuliert. Am Sonnabend sind The three The zu erleben: Nämlich The Cunnighams und The Tikes aus Dresden sowie The Pillemens aus Halle, die  ihre öffentliche Premiere geben, wobei auch die Berliner von Arthur and the Spooners ein Tipp sind. Denn sie stecken ihre Cover in punkige Ska- oder Offbeat-Gewänder und treten, angelehnt an der US Sitcom „King of Queens“ treten die Musiker in Kurierfahreruniformen. Für Cottbuser spielt eigens F.B.I., also die Freibierideologen. Beide Abende enden natürlich mit DJ zur Aftershow.

Beim Fokus-Festival zeigt sich Görlitz als alternative Industriebrache mit Aussteigercharme.
Foto: Andreas Herrmann

 Zukunfts- und Holzmusik

Das Fokus-Festival in Görlitz, vom Verein Second Attempt vom 16. bis 18. August zum achten Male organisiert und mittlerweile das einzige Relikt mit Tradition, geriet dieses Jahr eigentlich nur noch zu einem Eintagesfestival mit einem Freitag-Vorglühabend und einem Familienabbausonntag, hat aber vielleicht nach der Eröffnung der Rabryka als großes Soziokulturelles Zentrum (vermutlich irgendwann im kommenden Winter) im nächsten Sommer mehr Programmmuße. Enttäuschend auch die Musik am Sonnabend – getreu dem Motto nomen est omen: Zum Abschluss als Höhepunkt gab es mit der infantilen Berliner Synthiepopcombo namens „Großraum Indie Fresse“ für jeden Musikfan genau dies.

Dann wird es wohl, direkt auf der Grenze, am Kammweg auf dem Festplatz des Luftkurortes Lückendorf, noch eine Perle zu erleben: Der dritte Schwalbentanz, durchaus den ersten Zugvögelschwärmen gewidmet, lockt aller zwei Jahre Ende August ins direkte Länderdreieck. Die zweite Edition im Vorjahr zog rund 1200 Leute an, bei der ersten Variante 2016 kamen rund 750 Leute. Aber das ist bereits Zukunftsmusik für den Spätsommer 2020.

Bevorsteht, als Abschluss der akuten Sommersaison, noch die Mutter aller akuten Lausitzmusikfestivals: das 26. Folklorum auf der Kulturinsel Einsiedel, die sich als jenes Eiland, wo die Häuser auf Bäumen wachsen, sieht und als „Geheime Welt von Turisede“ einen neuen Marketingkurs als Erlebnispark ansteuert.

Die 26. Ausgabe des zweitgrößten Folk- und Weltmusikfestival  in Mitteldeutschland, nunmehr auch mit Turisedische Festspielen,steht vom 6. bis 8. September 2019 unter dem Motto Holzgesang an. Da ist wohl der späte Specht gefragt, denn „die angesagtesten Barden, Bands, Gaukler, Straßenkünstler, Artisten, Clowns und Kindsbespaßer bevölkern 16 Bühnen zu beiden Seiten der Neiße“. Es werde geschlemmt und Handel getrieben, Gleichgesinnte fänden in einem einzigartigem Freiluftforschungsprojekt östlichsten Punkt Deutschlands zusammen.

Andreas Herrmann

 

Netzinfos:

https://lospamposfestival.wordpress.com/

www.kommenundgehen.org

https://kulturbruch-verein.de

www.second-attempt.de

https://www.turisede.com/folklorum/programm-2019.html

 

 

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