Schon vor Monaten war sich Patrick Dietrich sicher, dass es nicht so schwer sein könne, 100 km am Stück zu wandern. „Nicht rennen, wie die Marathonläufer, einfach nur wandern, hieß es. Da habe ich mich eben angemeldet“, erzählt der 34-Jährige. Am ersten Juni-Samstag ist der keineswegs  passionierte Wandersmann im Kreis von 2100 Leuten gestartet. Über seine Gedanken und Gefühle während des 19-Stunden-„Mammut-Marsches“, so die offizielle Bezeichnung, sprach er mit dem hermann.

Ich bin in Spandau, es ist 16.15 Uhr, und ich frage mich, ob es tatsächlich richtig war, mich für diesen Marsch anzumelden. Erst wechseln Unsicherheit und Demut ab, plötzlich schlägt es um in die absolute Vorfreude.

Km 10:

Ich rede mit den anderen, so kommen wir flott voran. Zwar ist der Grunewald wenig spektakulär, aber wir hören plötzlich fette Rockmusik aus der Ferne. Dann ist ein Ausflugsschiff zu sehen, mit recht alten Menschen – aber Spaß an Tina Turner haben die offenbar auch noch. Genau wie wir Wanderer auf unserem langen Weg.

Km 18:

Am ersten Verpflegungspunkt um 19.15 Uhr ist das Gedränge an den Tischen groß, darum nur schnell was schnappen und weitergehen. Essen kann man ja auch unterwegs.

Km 30:

Allmählich melden sich die ersten Blasen an den Füßen. Und das schon jetzt, da noch mehr als zwei Drittel Strecke vor mir liegen. Unweit der Strecke läuft das DFB-Pokalfinale. Vielleicht wäre es besser gewesen, dieses Spiel zu besuchen. Besser jedenfalls, als hier freiwillig rumzulatschen. Wobei die Anstiege und die blöden Schotterwege richtig nerven.

Die Mammutwanderer

Km 40:

Verpflegungspunkt Nr.2 ist gleich erreicht. Die Pause und die warme Mahlzeit tun gut, aber die Schmerzen in den Beinen nehmen zu. Man läuft wie eine Holzpuppe mit steifen Beinen. Einzige Hilfe zur Rettung der Aktion: eine Schmerztablette.

Km 50:

Es geht durchs Berliner Hinterland, man muss genau aufpassen, um bloß nicht zu stürzen. Die Schmerzen durch die Blasen werden langsam akzeptiert und ausgeblendet. Liegt wohl daran, dass die Hälfte des Wegs geschafft ist.

Km 60:

Der Pfad zur Brücke am Kanal in Richtung Fahrländer See ist richtig tückisch. Ein falscher Schritt, und man liegt im Wasser, oder man knickt mit dem Fuß um. Die Wege sind viel zu sorglos abgesichert. .

Drüben angekommen, entschädigt der Blick auf die vielen anderen „Bekloppten“. Ihre Taschenlampen reihen sich wie an einer Perlenschnur auf, ein toller Moment, um innezuhalten. Schon winkt der Verpflegungspunkt drei: Schloss Marquardt ist erreicht, die Uhr zeigt 3.00 Uhr.

Km 70:

Wir laufen in die aufgehende Sonne – das motiviert.  Am Telefon melden sich Freunde und fragen. Wollen wissen, ob ich noch dabei bin, ob ich Schmerzen habe, sprechen mir Mut zu durchzuhalten. Wenn die wüssten!  Aber ich werde durch die Gespräche und die aufgehende Sonne motiviert. Außerdem sagen Experten, dass man es schafft, wenn man bis hier gekommen ist. Aber dass man, wie wir, falsch abbiegen kann, haben sie nicht gesagt. Jedenfalls stehen wir auf einem offenen Feld. Ich bin kurz vor einem Heulkrampf. Weil ich unter Tränen zweifle, auch noch den nächsten Verpflegungspunkt zu erreichen. Zumal sich mein Inneres meldet und immer lauter empfiehlt: „Hör doch einfach auch – dann ist alles wieder gut!“. Aber ich widerstehe und gehe fluchend weiter.

Euch hat niemand gezwungen

Km 80:

Das Minimalziel ist erreicht, Karls Erdbeerhof. Was habe ich mich auf eine Schnitte mit Erdbeermarmelade gefreut! Aber als wir ankommen, ist keiner da. Wir sind aufgrund unseres Eilschritts zu zeitig am Erdbeerhof angekommen. Welche eine Enttäuschung! Ich habe einfach keine Lust mehr auf diese Strapazen. Die Blicke zur Uhr tun ihr Übriges. Da denkt man, man hat ordentlich Meter gemacht, also in zehn Minuten einen Kilometer. Und dann … sind es lediglich 200 Meter. Es ist 7.15 Uhr, und mit letzter Kraft schleppe ich mich zum Verpflegungspunkt Nummer vier. Wo mir ein Sanitäter richtig Mut macht für den Rest des Weges. Trotzdem denke ich, soll der doch reden. Es ist doch schon eine stolze Leistung, 80 km zu wandern – also Schluss jetzt. Aber der Weg rüber zum Auschecken ist mir zu weit. Dann eben doch weiter. Nur noch beißen und seine Willensqualitäten beweisen. Aber wem eigentlich? Kopfhörer aufsetzen und Musik bis zum Anschlag – Motivation pur.

Plötzlich geht es wieder, und trotz diverser Blasen an den Füßen beginne ich jetzt zu joggen, und dieser neue Bewegungsablauf tut ja richtig gut. Einige Teilnehmer schüttelten nur den Kopf, da sie dachten, dass ich aufgeben werde, als sie mich auf Höhe des Erdbeerhofs überholt haben. Bin jetzt völlig im Tunnel. Deshalb bin ich in den Wettkampfmodus gerutscht und versuche nun, Teilnehmer für Teilnehmer zu überholen. Das motiviert zwar, aber bin ich das wirklich, der hier losrennt?

Km 90:

Die Berliner Stadtgrenze ist in Sichtweite, aber plötzlich geht es nochmal richtig bergan. Ich denke, dass die Veranstalter bestimmt noch nie diese Tour gemacht haben, sonst hätten die doch niemals kurz vor Schluss schnell noch so eine Prüfung eingebaut. Aber deswegen aufgeben? Nein – jetzt doch nicht mehr!

Endlich! Das Ziel

Km 100 – das Ziel

Erleichtert sehe ich dieses Band da vorne. Emotional berührt durch die klatschenden Leute am Wegesrand und am Zielstrich. Ich heule. Keine Ahnung, warum. Vor Schmerzen, vor Stolz? Vor Freude? Eigentlich will ich das nicht wissen. Ich weiß nur eins: Ich habe es geschafft. Stolz macht sich bemerkbar, weil ich zu den 40% der Wanderer gehöre, die durchgehalten haben, und ich das Ziel nach sensationellen 19:03 Stunden erreicht habe.

Auf der Heimfahrt:

Still ist es lange im Auto, in dem vier „Finisher“ sitzen, die es geschafft haben. Zunächst fragt sich jeder für sich, wie blöd man ist, sich auf so etwas einzulassen. Nach und nach werden Erlebnisse ausgetauscht. Kurz vor dem Auseinandergehen vorsichtige Fragen in die Runde: Sind wir im nächsten Jahr wieder dabei? Da sich die Erschöpfung in den Folgestunden bei mir abbaut, verlagert sich meine Antwort in diese Richtung: „Eigentlich schon, man hält so was schon durch! Warum also nicht noch einmal?“

Georg Zielonkowski

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