Die Bühnen in Bautzen und Zittau locken mit britischen und westdeutschen Humor

Zuerst der Blick nach Süden: Am Zittauer Hauptmann-Theater serviert Rüdiger Hentzschel per „Mord auf Schloss Haversham“ zum Spielzeitauftakt als furioses Tohuwabohu. Denn es geht alles schief, was schief gehen kann. Die Rahmenhandlung ist dabei sekundär und wird auch nicht final aufgelöst, für den Anfang gut zu wissen: Auf der Bühne agiert de facto eine Laienspieltruppe, die mit Vehemenz und ohne Rücksicht auf Verluste ihre Vorstellung konsequent zu Ende, also bis ins finale Desaster spielt.

Eigentlich heißt die urbritische Komödie von Henry Lewis, Jonathan Sayer und Henry Shields „The Play That Goes Wrong”. Dabei spielt der Regisseur der Truppe, die im Original als Cornley Polytechnic Drama Society firmiert, eine Adaption von Agatha Christies „Mausefalle“ (vermutlich ernsthaft) als Kostümkrimiklamotte vorhaben, gleich die Hauptrolle des extravaganten Inspektors selbst, um am Anfang dem Premierenpublikum mitteilen zu müssen, dass noch nicht alles so ist, wie es sein sollte.

Hier tut dies Sabine Krug, ebenso wie Patricia Hachtel als Perkins in einer überzeugenden Hosenrolle, der Rest vom Chaos bleibt leider ohne Verweis ins wahre Doppelleben als Schauspielmensch, wobei die acht Zittauer Profis samt aller echten Bühnentechniker in der hypersensibel mitspielenden Kulisse von Ulrike Bode und Mario Wenzel, im Haus für Requisite und Werkstätten sowie Dekoration hauptverantwortlich, zu einer energetischen Hochform auflaufen.

Hier leben die Leichen der beiden Brüder Charles und Cecil Haversham, die von Marc Schützenhofer und Paul Nörpel ganzkörperlich gespielt werden, während sich Assistentin Annie und Sandra, in der Rolle als Florence eigentlich Verlobte von Charles und gleichzeitig Geliebte von Cecil, ein echt blutiges Match um das Finale dieser doppelt mannbefreiten Figur liefern, an dem Martha Pohla und Kerstin Slawek echt Spaß zu haben scheinen.

Gregorz Stosz als burschikoser Bühnentechniker Trevor, sichtbar auch als Inspizient sowie Ton- und Lichttechniker, koordiniert omnipräsent das Chaos und greift ab und an auch leibhaftig ein, während Tilo Werner als Florences Bruder Thomas als einzig wahrer Aufklärer die eigentliche Hauptlast der ganzen Komik im Fortgange trägt, bis alles eskaliert, die Kulisse endgültig aufgibt und das Publikum in frenetischen Applaus ausbricht, den die gespielten Laien nie hätten …

Der Tennisclub Boris Becker Bautzen plant eine koschere „Extrawurst“.
Foto: Miroslaw Nowotny

Im Grunde spielen hier Namen gar keine Rolle, Rüdiger Hentzschel, ein Karlsruher aus Wien, hat die Sache, die nahezu jede Minute per Gag oder Unfall überrascht, mit akribischer Präzision inszenatorisch im Griff, wobei man natürlich gar nicht bemerken würde, was eigentlich in echt und nicht nur spielerisch schiefgeht. Der witzige Auftakt gerät so, über drei Ecken gedacht, auch geistig nachhaltig: von der Rolle der Bedeutung zur Bedeutung der Rolle (als Beitrag zur Wende). Und kommt nun zum Jahresende sogar vier Mal an den beiden letzten Tagen – das wird Hochleistungssport vor der Neujahrsparty.

Was man dabei wissen muss: Die Oberlausitzer Schauspielbühnen bieten Silvester immer per Doppelvorstellung etwas besonderes – die Premieren dazu sind etwas eher. In Görlitz war es so „Die Fledermaus“ als Operette, aber hier feiern die Musiker lieber zu Hause. In Zittau und Bautzen geht das Ganze danach in urige Feten mit dem Publikum über.

An der Spree hat das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen nach der Überwindung der Olsenbande als ewigem Erfolgsfluch, vielleicht erleichtert durch den Abschied von Rainer „Kjeld“ Gruß und Olaf „Egon“ Hais, gar einige Kultstücke im Repertoire zu bieten. Darunter den eindrücklichen „Terror“ von Ferdinand von Schirach, von Oberspielleiter Stefan Wolfram artgerecht im Schwurgerichtssaal vom Landgericht zelebriert und dabei bei inzwischen mit immerhin fünf (!)  verfassungsgemäßen Schuldsprüchen in 35 Vorstellungen durch die Mehrheit der Schöffen im Publikum.

So steht es insgesamt derzeit 1271 Schuldigsprüchen – zu 2031 Freisprechern – also besser als anderswo, wie man leicht auf der weltweit einmaligen Präsenz (http://terror.theater/) nachschauen kann, auf der die Theater am Morgen nach jeder Vorstellung ihre jüngsten Abstimmungszahlen vertragsgemäß melden müssen. Derzeit sahen weltweit 536.217 Besucher das Stück, 63,2 Prozent entschieden als Schöffen falsch, also für Freispruch. 

Nun hat sich Intendant Lutz Hillmann eine nagelneue Komödie rausgesucht: „Extrawurst“. Ein Tennisclub, ziemlich reich und weiß, gerät per Rassismusvorwürfe während der ordentlichen Mitgliederversammlung rasch in Streit. Denn der beste Spieler ist als Kurde Muslim – und dürfte beim nächsten Grillfest demzufolge nicht vom nagelneuen Supergrill mitessen, sobald diesen jemals Schweinefleisch berührte.

Die Uraufführung war Anfang Oktober im Hamburger Ohnsorg-Theater – auf Plattdeutsch. Die Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, einst für „Stromberg“ Grimme-Preis-würdig, nennen es Dramödie, aber dramatisch wird es selten. Das Publikum wird als Verein stets einbezogen, der Gagfaktor nimmt zu, es gibt eine Ehe- und zwei Vereinskrisen, der Trend geht zum Zweit- oder gar Drittgrill (für junges Gemüse). Das Werk wird sicher seinen Weg durch deutsche Theater nehmen, passt aber dank des oft unterbelichteten Tennis-Duktus besser in die Privatbühnen der Westgroßvorstädte als in den zu drei Vierteln atheistisch-aufgeklärten Osten. Also dorthin, wo der Konflikt wirklich virulent ist und sich Veganer in Sachen Militanz mit anderen Religionen gut messen lassen.

Marian Bulang als kurdischer Azad mit deutscher Frau, Lisa Lasch als dessen Doppelpartnerin Melanie – gemeinsam frisch Bezirksmeister und Ralph Hensel als deren Mann Torsten, der den hyperkorrekten Werbefuzzi gibt, spielen das locker bis souverän. Die beiden neuen Herren im Ensemble, Alexander Höchst als eitler Vereinschef Dr. Heribert Bräsemann und Christoph Schlemmer als dessen konservativer Stelli, geben ein erwartungsfrohes Bautzendebüt, welches man spätestens bei den beiden kommenden Saisonhöhepunkten, also „Nathan der Weise“ in Regie von Carsten Knödler (Premiere am 28. Februar – mit Lutz Hillmann in der Hauptrolle!) und „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ in einer Inszenierung von Stefan Wolfram (8. Mai 2020) bestätigt sehen könnte.

Andreas Herrmann

 

Nächste Vorstellungen in Zittau „Mord auf Schloss Haversham“ am 30. (2x) & 31. Dezember (2x), Premiere in Görlitz am 2. Mai 2020;
Karten: www.g-h-t.de

 Nächste Vorstellungen in Bautzen:„Extrawurst“ am 26. & 31. Dezember (2x) sowie 5., 10. & 21. Januar;
Karten: www.theater-bautzen.de

 

Bildunterschrift zu Mord:

Bis zum bitteren Ende wird in Zittau auf Schloss Haversham kämpfend bis mordend gespielt.

Foto: Pawel Sosnowski

 

Bildtext zu Extrawurst01+:

 

Der Tennisclub Boris Becker Bautzen plant eine koschere „Extrawurst“. 

Foto: Miroslaw Nowotny

 

 

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