Der Cottbuser Kulturmanager Jörg Ackermann feiert 60. Geburtstag

 Ich sage immer: Wer meint, in Cottbus sei nichts los, mit dem ist nichts los. Denn in Cottbus gibt es so viel zu erleben, dass die Gefahr, etwas Wichtiges zu verpassen, immer groß ist. Einer, dem diese Vielfalt und Farbigkeit des Veranstaltungslebens in der Stadt mit zu verdanken ist, heißt Jörg Ackermann. Der Kulturmanager wird in diesem Monat 60 Jahre alt. Er ist einer der Chefs der Firma pool production, die sich selbst als „Agentur für Aufmerksamkeit” bezeichnet.

Aber beginnen wollen wir mit anderem. Er hat sich nämlich Mitte der Neunzigerjahre den „Hermann” ausgedacht. Es muss so gewesen sein, dass er, für eine größere Kulturinstitution unterwegs, in Gesprächen fühlte, dass die Stadt auf ein Kulturmagazin wartete. „Die Lücke war da, die Zeit war reif, die potenziellen Leser da, genau wie auch die Finanziers, es musste nur noch geschaffen werden”, erinnert er sich. Zugute kam ihm dabei, das hat er sich bis heute erhalten, neugierig zu sein. Er fand Mitstreiter, die andere Mitstreiter und Ideen, Themen und Meinungen mitbrachten und daraus ein bald sehr angesehenes Magazin machten. „Der Hermann war Auffangbecken und Schmelztiegel”, sagt er und meint, dass, wer nach Cottbus kam, bald sein Porträt im „Hermann” fand, und wer wieder wegging, auch durch das Blatt um eine oder mehrere Erfahrungen reicher war. Reportagen, Porträts, Interviews, Artikel, Polemiken – ein buntes Programm, damals noch in Schwarzweiß. Aus allem sprach Aufmerksamkeit für die Menschen in der Region.

Apropos Aufmerksamkeit. Heute ist Jörg Ackermann, Diplom-Kultur- und Literaturwissenschaftler, ein Geschäftsführer von pool production, einer Firma für Marketing, Fotografie, Grafik und Events, die sich das Image einer „Agentur für Aufmerksamkeit” gibt. Wieder hatte etwas gefehlt, hatte er eine Lücke bemerkt: „Der Hermann brauchte Events und Anzeigen. Die mussten organisiert werden, damit sie ins Auge fallen. Das schafften wir als Redaktion nicht.” Wieder fand er Leute, die dafür Erfahrungen und Können mitbrachten. pool production war geboren, betätigt sich seither auf verschiedenen Geschäftsfeldern, zeigt Aufmerksamkeit für alle, die an guter Werbung interessiert sind.

 Blaues Band von Cottbus

Vielleicht hat damals jemand in der Stadt bemerkt, wie produktiv Neugier und Aufmerksamkeit wirken können. Sind sie nicht so recht geeignet, sich auf das Genre Film zu richten? Jedenfalls fungiert pool production seit 2001 als Veranstalter des Festivals des osteuropäischen Films (FFC). „Wir haben das Festival nicht erfunden, aber es auf finanziell solide Füße gestellt, neue Sponsoren gewonnen, unser Budget mehr als verdoppelt, viele Türen aufgestoßen, die den Blick auf zwar nahe, aber weithin unbekannte Länder und Kulturen eröffneten. Dass wunderbare Neugier auf weithin Unbekanntes sehr verbreitet ist, zeigen steigende Besucherzahlen. Das Interesse für unsere osteuropäischen Nachbarn ist groß. Auch Aufmerksamkeit füreinander ist unter allen Beteiligten des Festivals ständiger Begleiter. Die Orte sind heute leider selten, wo wie beim FFC Ukrainer und Russen zu freundschaftlichen Gesprächen zusammensitzen.” Dann kommt Jörg Ackermann auf ein Markenzeichen des FFC zu sprechen: das blaue Band von Cottbus, das farbige Leitsystem, das die Wege zwischen Veranstaltungs- und Spielstätten kennzeichnet und zugleich eine Symbol ist für die freundschaftliche und friedliche Verbindung zwischen den Völkern. „Ein imposantes Bild”, sagt er, „wenn man vom Hotel oder dem Spremberger Turm draufblickt und Plätze in blaues Licht getaucht sind.

Während pool production in „normalen Zeiten” mit elf Beschäftigten auskommt, zählt man in den Wochen unmittelbar vor dem und während des Festivals etwa 130. „Das ist ein großartiges Gemeinschaftswerk. Alles bei pool production ist Teamwork, und ich sehe mich auch als Teamarbeiter. Ich mag Austausch ebenso wie Gegenwehr. Lösungen muss man diskutieren, den besten Weg suchen.” Dann sagt er was über Doreen Goethe, die Geschäftsführerin an seiner Seite und von Beginn an dabei: „Ich schätze sie besonders, weil sie anders ist als ich. Wir ergänzen einander. Was kann es für eine Firma Besseres geben?”

20 Jahre pool production Sommer 2018 am E-Werk  Foto: Clemens Schiesko

20 Jahre pool production Sommer 2018 am E-Werk
Foto: Clemens Schiesko

 

Die die Türen öffnen

Seit 13 Jahren gibt es in Cottbus die Nacht der kreativen Köpfe (NdkK). „Hier haben wir ein Idee nachgenutzt und weiterentwickelt, ihr Cottbuser Kolorit gegeben. Wir haben den Nächten Themen zugeordnet wie Gesundheit, Mobilität, Digitalisierung, Sicherheit, und Unternehmen gesucht und gefunden, die für sechs Stunden, die Türen ihrer Labore, Werkstätten, Produktionshallen öffneten.” Ein Erfolgsrezept: Fast 200 Firmen waren bisher dabei. Mit jedem Besuch und jedem Besucher wurden Fragezeichen getilgt. Denn wer die NdkK besucht, den treibt die Neugier. Und die „kreativen Köpfe” in den beteiligten Unternehmen, die die Türen öffnen, treibt, publik zu machen, was sie im Interesse der Cottbuser machen. Die vielen kleinen Fragen bündelt Jörg Ackermann zu den größeren, die er wie ein Brennglas empfindet: „Wie funktioniert unsere Stadt? Welche zündende Ideen haben die Mitmenschen? Jeder Mensch ist kreativ, findet man für das eigene Leben Anregungen? Und was ist zu tun, die Stadt noch lebenswerter und liebenswerter zu machen, ein Stück Heimat weiter zu gestalten?”

Heimat. Für Jörg Ackermann ist sie nicht unbedingt an einen Ort gebunden. „Heimat ist vor allem ein Gefühl. Wo gehöre ich hin, wo fühle ich mich wohl? Wo kann ich mich entfalten, Freude empfinden, Bestätigung erfahren? Nicht allein, sondern mit Mitmenschen. Heimat, so begriffen, kann einem keiner wegnehmen.” Im Gegenteil: Sie wird größer durch viele unterschiedliche Menschen, jeder einzig in seiner Art. Dieser Gedanke war vor kurzem im Puschkin-Park zu spüren, als sich über 250 Teilnehmer zu „Cottbus is(s)t” trafen. Eines der elementarsten Lebensbedürfnisse, das Essen, führte sie zusammen. Was und wie isst man woanders, was und wie isst und ist man gemeinsam? Mit dieser Veranstaltung war er seinem Anspruch gefolgt: „Ich will Menschen zusammenführen.”

Die können auch aus der Historie kommen. Siehe Gartenfestival. Es verdankt sein Entstehen der Überlegung: Wie können wir Menschen zu Pückler locken? Wie können wir als Agentur den Fürsten begleiten? Wie man weiß, sind Antworten gefunden worden. 8 bis 10.000 Besucher jährlich sind zufrieden und machen zufrieden. Es klingt wie eine Variation auf das Blaue Band vom FFC, wenn Jörg Ackermann sagt: „Es ist schön, wenn man viele Besucher mit Pflanzen bepackt auf dem Weg zum Parkplatz sieht.”

Jörg Ackermann sagt von sich, er habe 30 Jahre in der DDR und 30 im vereinigten Deutschland gelebt.

Sohn eines guten, ehrlichen Kommunisten und einer Protestantin von hier, hat er zwischen den zehn Geboten aus der Bibel und denen der sozialistischen Moral gelebt. Im Netz findet man heute noch eine Performance ARTich, die er in Cottbus in den späten Achtzigerjahren gegründet hat, eine Performance mit Klamotten und Musik, aus der, wer wollte und konnte, andere Töne heraushörte. „ARTich war Ironie und Protest. Artig bin ich nie gewesen, ich war anders.” Und er will so bleiben.

 

Klaus Wilke

 

 

 

 

 

 

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