Das Musikjahr 2019 hatte wieder vieles im Angebot: Stille auf CD, Bock auf Brandenburg-Musik und Kühlturm-Techno

Das fehlte ja noch: Stille in der Musik-Box. Möglicherweise die VÖ des Jahres, eine opulente Veröffentlichung des Labels Mute (zu deutsch Stummschalten) – ohne Musik. Depeche Mode, New Order, Moby, aber auch Avantgardekoryphäen wie Die Einstürzenden Neubauten  auf einem Stille-Tribut-Album, mit dem das legendäre englische Label seinen 40. Geburtstag feierte. Die Box enthält 58 Coverversionen von 4’33’’, einem Werk von John Cage, mit dem der amerikanische Avantgardemusiker vor vielen Jahrzehnten für Furore sorgte, weil es aus Musik nicht im herkömmlichen Sinne bestand, sondern aus einem klanglichen Nichts.

 Für eine Art musikalisches Nichts hielten in diesem Jahr wohl auch etliche Brandenburger das, was die CDU im Landtagswahlkampf an Klängen unters Volk streuen ließ. Ihr Spitzenkandidat Ingo Senftleben schoss sozusagen den Bock ab. Für seine „Bock auf Brandenburg“-Tour hatte ihm sein Team einen Countrysong gedichtet. „Wer haut Verbrechern auf den Po? Ingo! Ingo! / Wer macht auch die Bauern froh? Ingo, Ingo.“ Mega-Frohsinn im Refrain: „Mit wem kann man auch mal einen heben? Ingo Senftleben.“

 Nun, der Mann hat die Nummer politisch nicht überlebt. Nach der Wahl ist er auf Grund des schlechten CDU-Ergebnisses von seinen Ämter zurückgetreten. Jetzt hat er vielleicht auch mehr Zeit für Musik – machen oder hören, je nach Laune. Der Cottbuser Popsänger Alexander Knappe entschied sich fürs machen, im Juni konkret im VIP-Raum des Stadions der Freundschaft. Dort trat der einstige Fußballer, der in seiner jetzigen Profession auch schon die Band A-ha supportete, vor ehrenamtlichen Mitarbeitern der Cottbuser Tafel und von Energie Cottbus auf, kurze Zeit später sorgte er auch mit seinem Festival „Liebe kennt keine Liga“ für ordentlich Furore, das dieses Jahr seine Fortsetzung findet (siehe hermannplatz).

 Für ungewöhnliche Auftrittsorte haben auch drei Lausitzer DJs was übrig. Marc Paprott, Marcel Täubert und René Haase legen gern an spektakulären Orten der Region auf, zum Beispiel im stillgelegten Kühlturm im Kraftwerk Schwarze Pumpe. Auch in der alten Tuchfabrik Forst, auf dem Flugplatz Bautzen und auf dem Aussichtsturm Am Schweren Berg in Weißwasser haben sie schon aufgelegt. „Lausitzer Kult am Pult“ nennt sich das DJ-Projekt, das im Untertitel auch „Echt Bock auf Brandenburg (und Sachsen)“ heißen könnte. Jedenfalls werden die DJs von den jungen Bürgern gern für ihr Abendprogramm gewählt.

 Ob sie auch die 20 Jahre alte Eurodance-Nummer „We’re Going to Ibiza“ noch auflegen, ist unwahrscheinlich, ganz anders als in Österreich, wo sie 2019 zum Comeback-Hit des Jahres wurde. Auf Ibiza hatte eine russische Fake-Millionärin dem österreichischen FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache im Jahr 2017 erzählt, im Himmel sei Jahrmarkt und der fragte nicht nur, wo die Buden stehen, sondern bot gleich noch an, den Einlasser zu spielen. Quatsch, okay, in Wirklichkeit war es viel schlimmer. Der rechte Politiker zeigt sich im Suff käuflich wie ein Kaiserschmarrn, stürzte Österreich in eine Regierungskrise – und verhalf der niederländischen Eurodance-Band Vengaboys zum Sensations-Comeback. Ihr Song „We’re Going to Ibiza“ geriet zur inoffiziellen Hymne der Regierungskrise, die Gruppe durfte ihn sogar vor 6000 Menschen in Wien bei einer FPÖ-kritischen Demonstration spielen.  

Im Land der echten russischen Oligarchen war auch was los, da haben sich zwei Rammstein-Musiker  – als Zeichen gegen Homophobie – auf der Bühne geküsst. Während woanders nicht mal ein Sack Kartoffeln umgefallen wäre, nutzte ein russischer Duma-Abgeordneter die Chance, von der Hinterbank zu vermelden: „Wenn sie sich küssen wollen, sollen sie das in der Ukraine tun.“

  In Deutschland wanderte das Thema Sex and Rock ’n’ Roll eher in Richtung Gesundheitsvorsorge. Die Barmer-Krankenkasse empfahl als „Gesundheitstipp“: Selbstbefriedigung als Einschlafhilfe. Gerade im heißen Sommer, wo viele Menschen schlecht einschlafen. Vor allem günstig für die Kasse, handelt es sich doch um keine rezeptpflichtige Gesundheitsleistung. Oder noch nicht? Musik auf Rezept wird jedenfalls schon gefordert, vom Neurowissenschaftler einer norwegischen Universität. Er hat zur Wirkung von Klängen aufs Gehirn geforscht und Musik für fast noch wichtiger als Medikamente im Kampf gegen neurologisch bedingte Krankheiten erklärt. Auch wenn es individuell verschieden sei, würden die allermeisten Menschen entscheidende Wegmarken ihres Werdegangs auch mit Musik verbinden, von der ersten Liebe bis zur Geburt eines Kindes. Nicht zu vergessen die Zeugung.

 Apropos vergessen. Reden ist Silber und Schweigen ist Gold, heißt ja ein deutsches Sprichwort, das im Zeitalter von Social Media bei vielen in Vergessenheit geraten ist. Der Berliner Rapperin Juju sollte man erklären, dass auch Fotos reden können und deshalb manchmal lieber nicht gepostet werden sollten. Per Instagram-Foto soll sie gezeigt haben, dass sie vor ihrem Abflug Marihuana in ihrem Gepäck versteckt hatte – was ein Follower sah und in seiner Funktion als Beamter an die Kollegen weiterleitete, die die Musikerin am Frankfurter Flughafen stoppten. Wenn das stimmt, kann man der Rapperin nur gratulieren: Ein gelungener Beitrag zum Thema „Ahnungslos und Spaß“ dabei. 

Thomas Lietz

 

 

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