Vom Projekt Fluchtpunkt des BürgerSprechChores des Staatstheaters Cottbus

Der BürgerSprechChor des Staatstheaters Cottbus bereitet, wie wir bereits in unserem Augustheft berichteten, für den 25.6.2020 eine eigene Uraufführung vor. Das Stück soll „Fluchtpunkt” heißen und Erfahrungen der Chormitglieder mit dem Verlieren und Finden von Heimat und Identität, Erlebnisse zwischen Verlassen und Ankommen, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit auf Fluchtwegen behandeln. Ein ungeheuer schwieriges und weitgreifendes Unterfangen, dessen Beginn aber schon sehr interessante Facetten ausbreitet.

Noch läuft die Interviewrunde, in der die SprechChoristen der Dramaturgin Wiebke Rüter und dem Schauspieler und Regisseur Michael von Bennigsen Erlebnisse schildern und Gedanken zum Thema kundgeben. Das sind CD, die vielleicht eines Tages historischen Wert besitzen könnten. Eine Familiengeschichte geht gar zurück bis in die Zeit der französischer Hugenotten im 16./17. Jahrhundert, die, in ihrer Heimat verfolgt, in Deutschland privilegiert und deshalb von den Einheimischen beargwöhnt, beneidet und nicht selten gehasst wurden. Viel ist die Rede von den Jahren 1945, Kindheitserinnerungen und -muster und Erzählungen von Eltern und Großeltern. Flüchtlingstrecks unter dem Bumerang von Bombardements des zurückkehrenden Krieges. Kinder, die sich in Schützenlöcher flüchteten. Wie Familien sich verloren und zuweilen nach Jahrzehnten wiederfanden. Andere Geschichten wurzeln in den letzten Jahren der DDR: Plötzlich war der Nachbar weg; Unterricht fiel aus, weil der Lehrer verschwunden war; Arztpraxen blieben geschlossen. Der Westen war der Fluchtpunkt, für nicht wenige auf Wegen über Ungarn oder die Prager Botschaft. Und Nach-Wende-Geschichten, in denen Menschen wegen Arbeitslosigkeit, Diskriminierung und Perspektivlosigkeit die Heimat aufgaben. Weil sie sich von den Bedingungen und Umständen bedroht fühlten, nannten die Menschen auch dies ihre Flucht.

Ein ganzes Jahrhundert-Panorama, geeignet für einen zehnteiligen Dokumentarfilm. Aber wie soll daraus ein Theaterstück werden? Na, mal sehen, deshalb begleitet hermann ja das Werden und Wachsen dieses Projektes. Wiebke Rüter sagt jedenfalls: „Dies sind alles ganz heiße Einzelgeschichten. Wir werden zeigen, welche Bedeutung sie für das kollektive Gedächtnis haben.” Sie wird also eine Geschichte daraus formen, die Michael von Bennigsen in die Regiehände nimmt: „Ich interessiere mich für Traditionen, für die Weitergabe von Verhaltensmustern und Kulturgut. Wir sind eine Chorgruppe, und so werden wir mit den Mitteln des Chores Geschichte(n) darstellen.” Die Dramaturgin ergänzt: „Das kann genauso spannend sein wie die Darstellung von Individuen. Wer ,Warten auf Sturm´ gesehen hat, weiß, unser SprechChor kann laut und leise, bedächtig, ängstlich, verschüchtert, aufgeregt und besänftigt agieren. Die ganze Liebe und Leidenschaft zum Leben wohnen ihm inne.”

Klaus Wilke

 

 

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