Begegnung mit Grafen und Königen beim Filmfestival

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Unsere Filmkritiker Daniel und Henning haben auch heute wieder
einiges vom 26. FilmFestival Cottbus zu berichten

Wie reagiert man, wenn man erfährt, dass die eigene Großmutter eigentlich jemand anderes ist, einen anderen Namen hatte, als man glaubte, und eine andere Herkunft? Michal Korchowiec macht einen Film („Morgenrot“) draus, in dem er die wahre Herkunft seiner Oma erforschen will. Nicht einfach, wenn keiner der Angehörigen oder Bekannten darüber reden will. Nach und nach findet er heraus, die Oma war Deutsche. Sie versteckte sich im Wald in den Masuren, als die Sowjetarmee kam und gab sich anschließend als Polin aus – bis zu ihrem Tod. Erst auf der Beerdigung wird der junge Michal stutzig, als der Pfarrer die protestantische Schwester segnet. Michal erfährt, dass sie nur als Polin unbehelligt weiterleben konnte. Unbehelligt? Nicht wirklich, denn ihr späterer Ehemann, ein alter Partisan, ließ seine ganze Wut an ihr aus und prügelte sie ein Leben lang.
Ein sehr ergreifender und bewegender Film, der auch dadurch stark ist, weil Michal mit unheimlicher Akribie und Durchhaltevermögen seine Nachforschungen anstellt. Eine Eigenschaft, mit der er seine Mutter und den Zuschauer des Films zuweilen nervt. Auch dadurch gewinnt der Film, denn der Zuschauer identifiziert sich nicht mit Michal, sondern wird so dazu gebracht, seine eigene Auseinandersetzung mit der Geschichte zu führen.

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Was bedeutet für Sie der Europäische Traum? Die weißrussische Regisseurin Vlada Senkova sagt nach kurzem Nachdenken: „unbeschränkt reisen, ökologisch leben, freie Beziehungen“. Junge Menschen aus Weißrussland schauen sehnsüchtig nach Europa. Im Gegensatz zur Ukraine haben die dortigen Demonstrationen keine Reformen bewirkt. Das Land schottet sich ab und gilt als die letzte Diktatur in Europa. Auf meine Nachfrage, ob die nationale Identität für junge Leute in Weißrussland eine Rolle spiele, erwidert sie: „Für mich tut es das.“ Sie möchte einen eigenen weißrussischen Traum haben. Wie es die USA haben und Europa.Das Land gilt im Grunde als eine Region Russlands. Eine unabhängige Filmförderung gibt es nicht. Das staatliche Filminstitut produziert keine eigenen Filme, sondern für das russische Fernsehen. Den Film „Der Graf in Orangen“ hat sie teils privat, teils durch Crowdfunding finanziert. Es ist ein Film über Jugendliche, die ihre Ferien in einer Datscha verbringen. Aber es ist keine gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte. Der Film spielt mit den Jugendlichen und dem, was sie besonders ausmacht: ihren Körpern. Immer wieder posieren sie für Momente wie ein Ensemble vor der Kamera. Es sind Bilder, die Vlada Senkova mit der Kamera malt, die Farben der Kleidung, der Haut, der Umgebung werden bewusst eingesetzt. „Smells like teen spirit“ war der Gedanke, den sie vor dem Film hatte. Dieser Geruch, der nach unerfüllten Träumen, nach unbeschwerter Leichtigkeit, nach gedankenloser Hingabe riecht, den hat sie gelungen im Film eingefangen.
Was bedeutet für Sie der Europäische Traum? Für mich bedeutet er Freiheit, Demokratie, Lebenslust. Sorgen wir für seine Verwirklichung.
Daniel Riedel

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Mit einem Ohrwurm durch den Schnee. „Chan Chan“ aus dem Buena Vista Social Club, das im diesjährigen Festival-Trailer anklingt, trägt mich durch das Cottbusser Festival-Wetter, wie man es aus den Fernsehberichten kennt.
Im Wettbewerb läuft zunächst „Das Haus der anderen“. Der georgische Film zeigt ein Dorf, das im Abchasien-Krieg Anfang der 90er Jahre verlassen worden ist. Nur drei Frauen leben noch dort. Sie bekommen neue Nachbarn: Vertriebene, die in ein Haus anderer Vertriebener ziehen. Mit poetischen Bildern, langsamen Kamerafahrten und -schwenks erzählt der Film auf subtile Weise die Geschichte von einer allgemein lähmenden Unsicherheit und dem Gefühl, nicht zu wissen, ob das Dach über dem Kopf noch lange ein Zuhause sein wird. Sehr gelungen!
Anschließend der russische Beitrag „Zoologie“. Einer Frau ist am Steiß ein Schwanz gewachsen, ein grässlicher Schlangenfortsatz, länger als ein Rettich. In der Nachbarschaft werden die Gerüchte um die Frau zu einer wüsten Legende von einer gemeingefährlichen Teufelin. Putzig, wenn Bekannte ihr, der Schwanzträgerin selbst, von ihrer Gefährlichkeit berichten. Was zunächst wie eine skurrile Komödie wirken könnte, wird im Verlauf aber mehr und mehr zu einer Parabel über Ausgrenzung und Intoleranz.
Die Band von der Eröffnungsfeier spielt nun auch vor der Stadthalle. Ein Wiedersehen im Schneeregen. Drinnen gibt es den Wettbewerbsstreifen „All die Städte im Norden“. Zu sehen ist eine Gruppe von Männern, die in einer verlassenen Ferienanlage hausen. Meistens schlafen sie, manchmal garen sie Kartoffeln oder spielen. Ohne Dialoge. Eine reichlich spröde Angelegenheit, die eine merkliche Anzahl von Zuschauern aufgeben lässt. Mitnehmen kann der Film nur in kurzen Einsprengseln, in denen ein Off-Erzähler frei zusammenhängende Gedanken wiedergibt. Zum Beispiel, dass Menschen besser in Siedlungen leben, die nicht auf dem Reißbrett oder per Verordnung, sondern in spontaner, reiner Eigeninitiative entstanden sind. Interessante Denkansätze wie dieser rechtfertigen jedoch keinesfalls 100 Minuten Filmlänge. Aber: Wenn man kein einziges Mal bei einem Festival-Film die Geduld verliert, ist es kein richtiges Film-Festival!
Fokus Kuba steht dann in der Kammerbühne auf dem Programm. Wie rasant ein Film beginnen kann: In „Der König von Havanna“ von Agustí Villaronga gibt es vor dem Vorspann bereits drei Tote. Reynaldo, kurz Rey (spanisch: König) ist aus dem Jugendgefängnis geflohen und hält sich wegen seines prachtvollen Glieds für einen König. Doch überleben kann er nur durch die Unterstützung zweier Nachbarinnen, die ihn beide als Ehemann bezeichnen. Eine Prostituierte und ein Transvestit. Als die sich begegnen, fliegen natürlich die Fetzen. Wie überhaupt in dem Film. Es gibt viel Sex, Kriminalität und jede Menge Kraftausdrücke. Dabei gelingt es der Regie trotzdem immer, am Schmierigen oder Reißerischen vorbeizumanövrieren.
Es entsteht immer mehr ein (allerdings überzeichnetes) Zeitbild vom Kuba der mittleren 90er Jahre, als sogenannte Dollarzonen und Strände für Einheimische gesperrt und die Grundnahrungsmittel immer unerschwinglicher wurden. Rey stiehlt, wird Drogenbote oder tritt in privaten Sex-Shows für Ausländer auf. Bekommt er noch einmal eine Chance, sich aus dem Morast zu befreien? Nein, es kommt am Ende ganz, ganz dick … Drastisches, packendes Kino!
Henning Rabe

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