Tagestrip nach Herzberg

Diese Rubrik sollte heuer „Katzensprünge aus der Lausitz“ heißen, denn mit meinem Besuch in Herzberg im Landkreis Elbe-Elster habe ich Niederlausitzer Boden verlassen. Zwar gibt es selbst unter Experten Uneinigkeiten, wo denn genau die Lausitz im westlichen Elbe-Elster-Kreis endet, aber Herzberg gehört nicht mehr dazu. Die Stadt befindet sich im Dreiländereck von Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Nur 60 km liegt Lutherstadt Wittenberg entfernt. Herzberg ist eine von elf Städten, die im Luther-Pass aufgenommen wurde, ein Wegeführer zur Reformation. Zu Recht, denn der Meister himself war nachweislich in Herzberg. Dessen Kompagnon Philipp Melanchthon verfasste 1538 eine Schulordnung für die Herzberger Lateinschule, die als Vorbild für Schulen in ganz Deutschland galt. Der Herzberger Johannes Clajus – Kind der Stadt und der Reformation – schrieb 1578 das Werk „Grammatica Germanicae Linguae“. Ein Standardwälzer zur Herausbildung der deutschen Schriftsprache, auf dem kommende Rechtschreibbücher aufbauten. Herzberg war also eng verwoben mit der Idee der Reformation. 1506 wütete die Pest in Wittenberge und die dortige Universität lagerte sich nach Herzberg aus. Aus Dankbarkeit stifteten die Wittenberger Studenten der Stadt den „Wunderstein“. Auf dem Stein steht geschrieben: „Wer dreymal diessen Stein umwallt, Wird ueber hundertjahre alt.“ Kein Wunder möchte man meinen, dass Johannes Clajus siebzig Jahre später ein Rechtschreibbuch verfasste… Aber halt, der Witz liegt auf der Rückseite verborgen, denn dort trieben die Studenten mit einer rätselhaften, lateinisch anmutenden Botschaft ihren Spaß. Wird hier nicht verraten, muss man hinfahren und selbst lösen.

Dreymal um den Stein. Foto: Veronica Silva-Klug

Dreymal um den Stein. Foto: Veronica Silva-Klug

Neben dem Philipp-Melanchthon-Gymnasium mit seiner Bronzebüste für den „Lehrer Deutschlands“ befindet sich die St. Marienkirche. Hervorzuheben ist hier die Gewölbemalerei aus dem 15. Jahrhundert im Secco-Stil, also auf trockenem Putz ausgeführte Zeichnungen. Weiter geht es in den Botanischen Garten von Herzberg. Es gibt viele Leute, die sich beim Begriff „Botanischer Garten“ wieder umdrehen und weiterschlafen, aber – zu hülfe, wie sagt man es – der Garten ist richtig schön. Entstanden ist die Anlage vor über hundert Jahren auf dem Privatgelände des Fabrikanten Wilhelm Marx (ja auch Fabrikanten konnten Marx heißen). Der Mann war Hobbygärtner und da er über ausreichend Quadratmeter Land verfügte, begann er heimische und exotische Pflanzen zusammenzuführen, im Sinne und Ambiente einer Japanisch-Buddhistisch geprägten Gartenkultur, welche auf Jugendstil trifft. Die Elemente sind fließend, verspielt, meditativ. Der Garten strotzt jeder Jahreszeit, weil zu allen Monaten Pflanzen aufblühen. Selbst im Winter sprießt es rot, weiß und gelb. Dafür sorgen Zaubernuss, Winterkirsche, Duftschneeball und andere Kollegen. Der Jugendstilgarten ist öffentlich zugänglich und kostet keinen Eintritt.

In Herzberg stand in den vierziger Jahren übrigens das höchste Gebäude Europas und das zweithöchste der Welt. 337 Meter ragte das Konstrukt in den Himmel, nur das Empire State Building in New York war höher. Gemeint ist der Langwellen-Sendemast vom Deutschlandsender III der 1939 in Betrieb genommen, 1945 unbrauchbar gebombt und 1947 von den Sowjets vollständig abgebaut wurde. Ich denke, wir wissen warum.

Es scheint ein roter Faden in Herzberg zu sein, Impulse zu setzen, welche weit über die Überschaubarkeit der 9000-Seelen Stadt hinausfluten. In den sechziger Jahren bauten die Herzberger eine Sternwarte und ein Planetarium. Das Planetarium ist das älteste seiner Art in Brandenburg. Beide Gebäude öffnen regelmäßig für verschiedene Veranstaltungen ihre Pforten. Der Knaller aber entstand vor den Toren Herzbergs, im wenige Kilometer entfernten Örtchen Jeßnigk. Dort wurde ab 2009 mittels Sponsorengeldern die Elsterland Sternwarte mit modernster Ausstattung errichtet. Jedes Jahr im September findet hier das Herzberger Teleskoptreffen (HTT) statt. Seit Jahren eines der größten Astro-Beobachtertreffen Europas. Dieses Jahr geht das Event mit „dem wohl dunkelsten und wolkenärmsten Teleskoptreffen-Himmel Deutschlands“ (laut Eigenaussage) vom 26.-29. September. Wer mal (durch) das größte transportable Fernrohr der Welt sehen möchte – der fahre nach Herzberg. Wohin denn sonst.

Daniel Ratthei

Mein Tipp: Wer mit Kindern unterwegs ist, dem sei noch der eintrittsfreie Tierpark empfohlen. Klein, aber fein. Herzberg ist bequem mit dem Regionalexpress zu erreichen, ich empfehle Fahrräder mitzunehmen. Denn nach dem Weg zur zwei Kilometer entfernten Innenstadt, fühlt es sich wirklich an, als wäre man „ueber hundertjare alt“.      

 

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