Ein Tag der offenen Tanzschule war Mitte Januar der Höhepunkt eines seltenen Firmenjubiläums. Die Tanzschule Fritsche, seit zwei Jahren mit dem Zusatz „by Karina Brand” versehen, feierte den 90. Jahrestag ihrer Gründung. Erzsébet und Dieter Fritsche sowie Karina Brand, seit August 2015 neue Inhaberin und Nachfolgerin des stadt- und umlandbekannten Ehepaares, empfingen ein paar hundert Tanzlustige und -wütige, Neugierige und Interessierte. Mitmachen war angesagt. Das Motto des Tages: „Viele Grüße an die Füße“.

Dieselben haben seit 1927, würde man die Meter im Rhythmus der Musik addieren, 50 Mal den Erdball umtanzt. Mindestens. Meine Schätzung ist eher vorsichtig. Wer sie nach oben oder unten anzweifelt, mit dem rechne ich gern neu. Eine andere Überlegung, die die Großartigkeit von neun Jahrzehnten einer und derselben Tanzschule unterstreicht, ist diese:  Jene Zehntausende Fußpaare auf fiktiver, statistischer  „Weltreise” durchtanzten mehrere politische Systeme: die Weimarer Republik, die Nazizeit, die Sowjetische Besatzungszone, die sozialistische DDR, die kurze Zeit einer kapitalistischen DDR (auch Wendezeit genannt) und kapitalistische Bundesrepublik Deutschland. Politik und Historie haben die meisten dieser Systeme abgehakt; sie sind untergegangen. Der Tanz ist geblieben.

Dieter Fritsche weiß, warum. „In jeder Zeit, in jedem politischen System wird der Tanz gebraucht – für die Augen, die Ohren, die Sinnlichkeit, für Kopf und Füße. Tanz bringt Menschen zusammen und in Stimmung. Das hat durchaus einen sozialen Aspekt. Als ich meine Prüfung als Tanzlehrer ablegte, musste ich einen Satz auswendig lernen, der so lautet: Tanz ist die Kunst, Wünsche, Hoffnungen, Gefühle und Empfindungen nach einer dazu geeigneten Musik in rhythmischen Bewegungen auszudrücken. Unsere Wünsche, Hoffnungen, Gefühle und  Empfindungen sind unser ganzes Innenleben. Wenn wir uns das bewusst machen und in die Füße schicken, wie das auf lustige Art formuliert ist, dann tanzen wir. Aber nicht nur das: Wer auf diese Weise eine Inventur seines Innenlebens betreibt, gewinnt Sicherheit und Kompetenz im Alltag. Wieder lustig gesagt: So wird aus Spaß Ernst. Denn Tanzen ist nun einmal Spaß. Ich meine, der größte Spaß, den uns das Leben ermöglicht. Richtig genutzt, mit Ernst betrieben,  regelmäßig geübt und ausgeübt, strahlt er auf alles aus.”

Der Tanz ist also nicht unterzukriegen. Natürlich  sind 90 Jahre eine Wegstrecke mit Höhen und Tiefen. Oft liegen beide eng beieinander. „Bestimmt war es ein freudiges Ereignis und ein bewegender Moment, als meine Mutter  zwanzigjährig ihr Abschlusszeugnis in der Hand hielt, das ihr bescheinigte: Fräulein Ruth Knoblauch hat bei mir einen Kursus zwecks Ausbildung zur Tanzlehrerin absolviert und zwar mit dem besten Erfolge, was ich hiermit bestätige. (Stempel, Unterschrift). Statt in zwei Jahren hat sie das Programm in einem absolviert. Das geschah nicht nur, weil sie so gut war. Es war auch notwendig. Der Kursus musste bezahlt werden und kostete 1000 Goldmark. Das Geld streckte ein Patenonkel vor und musste über kurz oder lang zurückerstattet werden. Zehn Tage nach dem Zeugnis, am 1. Januar 1927, gründete sie ihre Tanzschule.”

Das war die Zeit von Quickstep, Tango, Charleston und Black Bottom. Man redet heute von den Goldenen Zwanzigern. Das Gold musste sich Ruth Knoblauch offensichtlich hart erkämpfen. Dieter Fritsche: „Sie lief von Pontius zu Pilatus, die Schuldirektor und  Vereinsvorstände waren, um für ihre Schule zu werben. Es war erst ein müßiges Unterfangen. Naja, sie  war ja jung und hübsch. Daraus wuchsen immerhin ein paar Chancen, und wo sie einmal gewesen war, wollte man sie bald wieder.” Das weiß Dieter Fritsche alles vom Hörensagen. Auch dass sie mal Probleme mit den Nationalsozialisten bekam und der Krieg die Tanzschulen verschloss. Es müssen schwere Jahre gewesen sein, es waren die ersten im Leben des 1938 geborenen Dieter Fritsche. 1936 hatte Ruth Knoblauch Fritz Fritsche geheiratet.

„Dann spielte  die Musik wieder. 1945/46. Mutter leitete oft 100 Paare gleichzeitig in den Stadtsälen und anderen großen Räumlichkeiten an. Groß war der Nachholbedarf. Kriegsgefangene Männer waren zurückgekehrt und die Frauen tanzwütig. Sie hat mich, acht-, neunjährig, oft in die Tanzstunden mitgenommen. Immerhin waren die Russen in Cottbus, und Razzien auf der Suche nach irgendwas oder irgendwem waren nicht selten. Außerdem gab es viele Stromsperren. Mich mitzunehmen hatte auch etwas Gutes. Ich quatschte mit dem Pianisten, der die Musik einspielte, wurde auch spaßeshalber an das Schlagzeug gesetzt und legte, wenn denn mal eine Pause war, munter los. Das war meine erste rhythmische Schulung.“

Pikant die Versuche der Besatzungsmacht, die Tanzschule zu nutzen. Das muss für Ruth Fritsche ein bisschen wie ein Tanz auf dem Vulkan gewesen sein. Tanz im Pferdestall mit 80 russischen Soldaten oder in der Wohnung mit vier Offizieren. Aber der Vulkan ist zum Glück nicht ausgebrochen.

Als 1954 der Vater starb und einen halbwegs intakten Pkw hinterließ, musste Dieter Fritsche mit Sondererlaubnis die Fahrerlaubnisprüfung ablegen, um die „Koffertanzschule“ über Land zu chauffieren. Es waren wirklich „Wege übers Land”, die von Cottbus aus nach Spremberg, Großräschen, Weißwasser, Boxberg, nach Lübbenau und Lübben führten. „Wir mussten wirklich aus dem Koffer leben. Und wie schwer der Koffer war, weiß, wer das Gewicht eines Tonbandgerätes „Smaragd” kennt. Es war damals weder erlaubt, einen Saal anzumieten noch weitere Tanzlehrer oder Helfer einzustellen. Wenigstens wurden in den späten Fünfzigerjahren wieder Tanzlehrer ausgebildet. Die Chance nutzte ich und war 1959 für kurze Zeit der jüngste Tanzlehrer der DDR.”

Hier muss eine kleine Liebesgeschichte eingeblendet werden. 1958 lernte Dieter Fritsche bei einem Ungarnurlaub seine Frau Erzsébet kennen. Eine charmante Budapesterin, die ihren Charme bis heute bewahrt hat. Sie: „Er tanzte so gut. Es war Liebe auf den ersten Schritt.” Sie war eine ebenso leidenschaftliche Kindergärtnerin, wie sie später eine leidenschaftliche Tanzlehrerin wurde. Als sie nach langer Brieffreundschaft und gegenseitigen Besuchen 1968 in Budapest heirateten, stand der Cottbuser Formationstanzclub am Standesamt Spalier, die Frauen in farbenprächtigen Lateinkostümen, die Männer im silbernen Smoking. Kein Wunder, dass sich Budapester fragten: „Wird hier ein Film gedreht?”

Der Formationstanzclub, 1962 gegründet, war sehr erfolgreich, gastierte in Tschechien und in Ungarn und kam goldgekrönt von Arbeiterfestspielen zurück. Da war Dieter Fritsche, der nach dem Tod der Mutter 1972 das Ruder in die Hand genommen hatte, schon der Chef, und Erzsébet bald als Tanzlehrerin seine rechte Hand. War damit die Kindergärtnerin passé? „Nein, ich begann, beide Berufe miteinander zu verknüpfen, habe darstellenden Tanz und Gesellschaftstanz in Kinderherzen gepflanzt. Aus vielen ist was geworden. Bewegend, wenn man ihnen begegnet!”

Dieter Fritsche ist davon überzeugt, dass das nicht nur daran liegt, dass sie tanzen können, sondern auch gute Umfangsformen pflegen. „Angemessene Kleidung, gegenseitige Achtung, das Wissen, dass man zum Tanzen nicht auffordert, sondern einlädt, und viele weitere solche Regeln gehörten, ob in der DDR oder später, immer zur Tanzschule.”

Die hatte indes 1991 nicht nur ein festes Domizil in der Breitscheidstraße gefunden, sondern gehörte seitdem auch zum Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV). Die Zeit der „Koffertanzschule” war vorüber. „Gewandelt hatte sich auch das Bild unserer Kursteilnehmer. Es waren nicht mehr in erster Linie Heranwachsende, Schülerinnen und Schüler, sondern immer mehr Erwachsene und Senioren.” Bleibt man denn durch Tanzen jung? Darauf schwört Erzsébet Fritsche: „Aus dem Tanzunterricht mit Kindern wuchsen mir neue Kräfte. Müdigkeit verflog. Auf geheimnisvolle Weise durchflossen neue Energien meinen Körper.”

Dann erzählt sie von einem weiteren Dokument, von einer Auszeichnung, auf die die Fritsches stolz sind. Sie zeigt eine Urkunde: „2010 erhielten wir die Ehrenmedaille der Stadt Cottbus und konnten uns in das Goldene Buch der Stadt eintragen. Das war etwas ganz Besonderes für uns. Alle Mitarbeiter waren dabei.“ Die Fritsches haben immer an die Zukunft gedacht. Tochter Conny ist ebenfalls ADTV-Tanzlehrerin geworden, hat sich aber doppelt selbstständig gemacht: abgenabelt vom elterlichen Unternehmen und als selbstständige mobile Tanzlehrerin in Berlin. Zu der Zukunft gehörte für Fritsches aber auch, anderen jungen Leute Chancen zu bieten. „Fünf tolle Tanzlehrer sind aus unserer Tanzschule hervorgegangen. Eine davon hat von uns den Staffelstab übernommen: Karina Brand.”

Die ist in einer tanzbesessenen Familie aufgewachsen, hat das Tanzen schon mit vier Jahren für sich entdeckt und hat in eine Familie hineingeheiratet, für die das Tanzen auch zum Leben gehört. Wie „fritschig” Karina ist, zeigen die ähnlichen Antworten auf die Frage, warum sie den Jive so irre lieben. Dieter Fritsche: „Ich liebe viele Tänze. Aber Jive – das geht ab. Das ist die Musik, mit der wir groß geworden sind!” Erzsébet Fritsche: „Das ist Lebensfreude im Rhythmus. Wenn ich ihn höre, muss ich tanzen.” Karina Brand: „Herr Fritsche nannte ihn mal den Kobold der amerikanischen Tänze. Früher hieß der Tanz Jitterbug (Zitterwanze). Er beschreibt mich als Kind. Da flippe ich aus.”

Vieles aus Fritsches Zeiten – der Name ist ja geblieben mit dem kleinen Zusatz – wird weitergeführt: „Was sich bewährt hat, muss bewahrt bleibenʺ, sagt Karina Brand. Die Tanzschule wird weiter eine Oase für alle, für tanzfreudige Kinder, Erwachsene, Senioren bleiben. Agilando und Zumba haben eingeschlagen. Immer mehr Ärzte, das freut sie, sagen:  „Geht tanzen!ʺ Viele Paare folgen dem und festigen nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch ihre Beziehung.

Karina Brand denkt schon an das Jahr 2027. „Dann wird die Schule hundert. Hoffentlich erleben Fritsches das noch. Warum nicht – Tanzen erhält ja gesund.”

Und viele Grüße an die Füße.

Klaus Wilke
Foto: Erzsébet und Dieter Fritsche sowie Karina Brand im Gespräch mit Klaus Wilke. © TSPV

Termine:
19. März, Prinzessinnen Tag in der ADTV Tanzschule Fritsche
6. Mai, Tag des Tanzes in Forst (Auftritt aller Kinder & Jugendgruppen)

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