Ein Besuch im Museum Schloss und Festung Senftenberg

Hilfe! Es ist kalt, es ist nass und die Kinder müssen mal raus! Nicht schon wieder Schwimmbad oder Indoor-Spielplatz… Was tun? Zu Hülf, zu Hülf! Wie wäre es – sagt die gescheite Hirnhälfte – mit einem Besuch im Museum? WAAAAS? Museum??? – kreischt die logische Hemisphäre – das ist für Kinder doch langweilig!

NEIN!“ sagt plötzlich Super-Hermann, „Tataaaaa!!!“ Großer Auftritt aus der Besenkammer, offene Münder am Familienküchentisch „Fahren Sie nach Senftenberg…“ Es wäre dramaturgisch klasse, wenn das Kind bei „Senftenberg“ eine Ketchup-Flasche in der Hand hält und ungläubig darauf guckt. „…und besuchen Sie das Museum Schloss und Festung (Achtung noch einmal:) SENFTENBERG!“ Dem Kind fällt die Tomatentunke aus der Hand.

Büro der Ilse Bergbau AG

Also los. Senftenberg ist nicht weit und man war auch schon länger nicht mehr da. Das Schloss befindet sich in der Innenstadt und den Kuratoren darf man an dieser Stelle ein dickes Lob aussprechen, denn es ist für alle was dabei. Dass wir beim Besuch eines Museums über völlig unterschiedliche Epochen und (durchaus schwierigen) Themenfeldern ausgeglichen informiert werden und die ganze Sache auch noch Spaß macht, Chapeau!

Fangen wir beim Urschleim an. Senftenberg wurde im Zuge der Deutschen Ostsiedlung während des Hochmittelalters gegründet. Das meint nicht, dass vor dem 13. Jahrhundert hier keine Menschen wohnten (z. Bsp. die slawischen Lusitzi), sondern es bedeutet, dass deutsche Ritter am Ufer der Schwarzen Elster ein Schwert in den Boden rammten und die günstige Lage nutzten, um eine Burg zu errichten. Der Name der Stadt bedeutet „sanft am Berge“. Es gibt auch eine andere Deutung, nämlich „Sumpftenburg“ – naja, was soll man sagen, auch das kann sein. Machen wir uns nichts vor. Ganz früher war hier nicht so viel, außer Wald und Moor. Die sorbische Deutung (Zły Komorow) meint „Schlimmer Mückenort“. Ach herrje. Wohlfeiler jedoch klingt: Sanft am Berge! Belassen wir es dabei.

Sorbische Bauernstube

Nach einigen wechselnden Herrschaftshäusern, kamen 1448 die Sachsen. Das Potenzial der alten Burg wurde erkannt und auf deren Fundament ab dem 16. Jahrhundert eine Festung nach niederländischer Weise errichtet, mit geschlossenem Erdwall und dem Schlossgebäude in der Mitte der Anlage. Bis heute ist sie in Deutschland die einzig erhaltene Zitadelle ihrer Art. Für die Sachsen diente die Festung zur Verteidigung der Nordgrenze gegen die Hohenzollern. Und immerhin: Dieser antipreußische Schutzwall hielt bis 1815. Trotzdem zeigt sich auch hier, keine Festung und keine Mauer hält dem Lauf der Geschichte auf Dauer. Die Wettiner aus Dresden setzten auf Napoleon. Die französischen Truppen wurden aber in den Befreiungskriegen 1813-15 gerade auf sächsischem Boden vernichtend geschlagen und das Königreich Sachsen musste im Zuge der Verhandlungen des Wiener Kongresses fast die Hälfte seines Gebietes im Norden an die verhassten Preußen abtreten. Senftenberg gehörte dazu. Was von diesen Sächsisch-Preußischen Animositäten übriggeblieben ist, erleben wir höchstens ab und an bei Fußballspielen, ansonsten, dankenswerterweise, nur noch als bebilderte Geschichte in einem Museum oder als sommerliches Festungsspektakel einmal im Jahr in Senftenberg. Dann nämlich schlüpfen Traditionsvereine in historische Kostüme und lassen die Festungszeit des 18. Jahrhunderts noch einmal aufleben. 

Achtung Guillotine!

Nachdem die Militärs abgezogen waren, erfolgte die zivile Nutzung der Festungsanlage auf ganz unterschiedliche Weise. Mal war es ein Gefängnis, mal eine Schule – mein Sohn würde hier anmerken, dies wäre dasselbe… Auch das Heimatmuseum quartierte sich ab 1907 ein. Der Bauzustand verschlechterte sich stetig. Alte Bauteile wurden abgerissen, neue errichtet, eher aus einer praktischen Erwägung heraus, als aus einer konkreten Vision. Erst ab der Wiedervereinigung erfolgte nach der archäologischen Erhebung die komplette Sanierung bis zum Jahre 2006. Die Festungsanlage wurde modern rekonstruiert und beherbergt heute das Museum Schloss und Festung Senftenberg. Die Festungsgeschichte ist jedoch nur ein Teil der Ausstellung. Das Museum kann mehr. Es gibt Räumlichkeiten zur Stadt -und Regionalgeschichte mit einer alten sorbischen Bauernstube oder der ältesten Feuerwehr der Stadt. Es gibt ein historisches Klassenzimmer, in dem Groß und Klein auf alten Holzbänken Platz nehmen dürfen. Die Geschichte der Braunkohle – hier werden Pro und Contra-Akzente gesetzt – wird sehr eindrücklich entfaltet. In der Kulisse des Geschäftsführerbüros der Ilse Bergbau AG kann man Direktor spielen. In einem Besucherbergwerk steigt man mit gelbem Helm unter Tage. Für die Kunstbeflissenen stehen die Räumlichkeiten der Kunstsammlung Lausitz zur Verfügung, derzeit mit einer großartigen Ausstellung des Spreewälder Malers Dieter Zimmermann. Eine wechselnde Sonderausstellung nimmt sich Themen an, die nicht primär mit der Lausitz zu tun haben. Bis Ende Oktober war das eine Ausstellung über „Die Olsenbande“. Ab November heißen die neuen Sonderausstellungen „Wechselseitig. Rück -und Zuwanderung in die DDR 1949 bis 1989“ und „Adel verpflichtet – Leben im Schloss“.

Daniel Ratthei

Mein Tipp: Einfach ein ganzes Wochenende in Senftenberg bleiben. Seit 2016 trägt die Stadt das Prädikat Staatlich anerkannter Erholungsort. Das Museum befindet sich um die Ecke vom schönen Stadthafen am Senftenberger See (mit Cafés und großem Spielplatz). Direkt neben der Festung liegt der Tierpark Senftenberg. Wer abends ins Theater will, ist bei der Neuen Bühne Senftenberg an einer ziemlich guten Adresse. 

 

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