Heinz Noacks Hobbys haben sich drastisch gewandelt

- An der Ziellinie seines Radmarathons präsentiert der Bolzer das Guinnessbuch 2001

– An der Ziellinie seines Radmarathons präsentiert der Bolzer das Guinnessbuch 2001

Vor einigen Wochen hat sich der Radsportler Heinz Noack aus Großräschen an seinen größten sportlichen Erfolg erinnert, der am 27.August genau 20 Jahre zurücklag. An diesem Tag beendete er ein Radrennen, bei dem er einen Weltrekord herausfuhr, der im Übrigen bis heute Bestand hat. Auf der Cottbuser Radrennbahn war er 3000 Runden hintereinander unterwegs, um dabei 100 Kilometer herunter zu spulen. Das Wesentliche an diesem Ergebnis aber war die Zeit, die er dafür benötigte. Genau 35 Stunden, 46 Minuten und sieben Sekunden fuhr er mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 28 km/h, wobei die dreiPausen von jeweils 25 Minuten eingerechnet sind. Und woran erinnert sich der Extremsportler heute, zwei Jahrzehnte nach der Tortour? „Am stärksten in Erinnerung sind mir zwei Sachen geblieben. Zum einen, dass ich von Donnerstagabend 22 Uhr bis zum Samstag früh gegen Dreiviertelzehn ohne jeden Schlaf um das Oval gekreist bin, und mir dabei mein Körper ab und an schon mal die Grenzen aufzeigen wollte. Aber in voller Dankbarkeit denke ich auch an jene Leute, die mich Verrückten dabei unterstützt haben“, schaut der heute 70-jährige zurück auf sein Husarenstück aus dem Jahr 1999. In erster Linie das Velo-Team des RSC Cottbus unter der Leitung von Wolfram Franke, Sohn Christoph und Freunde, die im „Schichtbetrieb“ über die 36-Stunden-Distanz am Rande der Bahn „Wache hielten“ und dabei stets auf den Zustand des Extremfahrers achteten und

Das Beweisstück

auch der Sprecher Werner Meisel. Aus medizinischer Sicht war zudem mit Dr. Ralf Lauterbach ein Fachmann dabei, der ebenfalls das Wohl des Bolzers im Auge hatte und in seinem Amt auch einschreiten musste. „Ich erinnere mich, dass es in der Nacht zum Samstag kurz nach Mitternacht irgendwie eng wurde, als mein Puls plötzlich auf 180 Schläge pro Minute angestiegen war. Mit leicht zu schluckender Babynahrung, die vielVitamine und Kohlehydrate enthielt, hat sich die Sache dann aber wieder reguliert. In dieser Phase war mir dann auch unser Vereinskollege Olaf Fröhlich sehr hilfreich, der als ‚fliegender Verpfleger‘ hunderte Runden neben mir fuhr und mit dem ich auch einige Worte wechseln konnte, was sehr hilfreich war“, weiß Heinz Noack zu berichten. Die Verpflegung während des fast 36 Stunden währenden Ritts auf dem Rennsattel war zuvor in Zusammenarbeit mit Trainern und Medizinern berechnet und vorbereitet worden. Im Besonderen wurde dabei auf den Wasserhaushalt geachtet. Als nach dem Rennen zusammengezählt wurde, was Heinz Noack während seines einmaligen Einzelzeitfahrens verbraucht hatte, kam man auf stolze 154 Liter Wasser und Isotinica. Feste Nahrung gab es in Form von Energieriegeln und diversem Obst: „Da ich ca. nach der Hälfte der Strecke weder Süßes essen noch daran denken konnte, kam einer aus dem Team auf die banale Idee, mir „Beutelsuppen“ zu verabreichen. Das war für mich eine Köstlichkeit und ich war weg vom süßen Geschmack! An diesen „herrlichen“ Geschmack erinnere ich mich heute noch! Danach konnte ich ca. ein halbes Jahr weder Süßes essen, noch mochte ich daran denken.

Ein Originalfoto von 1999

Ein Originalfoto von 1999

Da Dinge, die oben eingeführt werden, auch irgendwie den Körper wieder verlassen müssen, stellt sich ‚natürlich‘ auch die Frage nach dem ‚Toilettengang‘. Dafür wurde mir dann das Haupttor der Radrennbahn geöffnet und ich fuhr die rund 50 Meter zur Toilette des Internatsgebäudes zur anstehenden ‚Sitzung‘. Soweit ich mich erinnere, geschah das dreimal“, erzählt Heinz Noack. Doch waren all die Strapazen der einjährigen Vorbereitung und der alleinigen Rundenjagd mit dem erzielten Weltrekord schnell vergessen, als er seiner Familie nach der bis dahin 3000-mal überquerten Ziellinie in den Armen lag und versprach, so etwas „Verrücktes“ nie mehr zu tun. Heinz Noack hat noch ein weiteres Hobby, die Musik. Und als ganz passabler Musiker an der Bassgitarre, war es insofern nicht verwunderlich, dass der frischgebackene Weltrekordler noch auf der Radrennbahn, nach all den Gratulationen zur Bassgitarre griff, sich in seine Band „Swinging Colours“ einreihte, um einige Takte des legendären Glenn Miller zu intonieren. Zugleich zeigte er den neugierigen Radrennbahnbesuchern, wohin wohl künftig seine Freizeitreise abseits seines gelben Rennrades mit den rosa Reifen gehen werde.

Drei Weltrekorde stellte Heinz Noack bei diesem Rennen auf:
1000 km in 35:46:07,
12 Stunden 500 km in 16:38:13,
6 Stunden 24-Stunden–Weltrekord: 698 km

Heinz, Sie sind jetzt 70 Jahre alt. Konnten Sie über 20 Jahre Wort halten und dem Radsport absolut „ade“ sagen, um sich fortan ausschließlich als Musikant vorzustellen?

Nein, nicht ganz. Es hat sich alles auf ein ganz normales Freizeitradler-Verhalten reduziert. Zum fit bleiben und so wie es zeitlich möglich ist, fahre ich mit meiner Ehefrau hin und wieder ein paar kürzere Strecken. Es soll nur Spaß bereiten! Die Musik hat nun den Vorrang.

Wie fallen ihre Vergleiche aus? Heute bestimmen die Takte der Musik die Freizeit, früher der Takt der strampelnden Beine.

Die Musik ist für mich ein ganz wichtiges Element in meinem Leben. Sie hält jung und aktiviert die geistige Fitness, Konzentration, Zielstrebigkeit und Kreativität. Ich konnte mir mit Eintritt ins Rentenalter einen weiteren Traum verwirklichen. Auf dem E-Bass und Kontrabass konnte ich mich an den Jazz, gemeinsam mit Hilfe von Prof. Götze aus Dresden und meinem Freund Detlef Bielke, langsam herantasten. Aber das Rad ist für mich immer noch ein Katalysator und verschafft mir Ausgeglichenheit, Frische und Freiheit im Kopf.

Werden Sie noch heute von Leuten auf Ihren Rekord angesprochen, die Ihren Husarenritt im „Guinnessbuch der Rekorde“ des Jahres 2001 nachgelesen haben? Oder eventuell auch von den Leuten, die damals Augenzeuge im Cottbuser Radstadion Ihrer grandiosen Leistung waren?

Ja, erstaunlicherweise geschieht das immer wieder. Sowohl von Gästen, die direkt bei der Rekordfahrt dabei waren, aber auch von Personen, die davon über die Medien erfahren hatten. Dass dieses Ereignis sich so lange in der Erinnerung hält, überrascht mich doch sehr.

Text / Interview / Fotos: Georg Zielonkowski

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