Das große Interview mit Lausitzer Füchse-Geschäftsführer Dirk Rohrbach

Seit Herbst 2018 bis weit hinein in die Entscheidungsphase haben die Lausitzer Füchse eine Saison abgeliefert wie seit vielen Jahren nicht mehr. Da die Eishockeycracks aus dem sächsischen Weißwasser beim Schreiben dieses Beitrags sicher auch in den Playoffs noch gut unterwegs sein werden, ist es durchaus möglich, dass da am Ende der Spielzeit 2018/19 sogar die ganz große (Final-)Sensation auf die schon jetzt geradezu euphorische Fangemeinde lauert.

Egal wie – der bisherige Saisonverlauf fordert es geradezu heraus, nach den Gründen des kometenhaften Aufstiegs zu fragen. Wer anders als Geschäftsführer Dirk Rohrbach sollte da den präzisen Blick auf die sportliche wie auch die geschäftliche Bilanz haben. Hermann traf sich mit dem 46-Jährigen in „Eishockeytown“ zum Gespräch.

Vor all den anderen Fragen will ich Sie zuerst natürlich bitten, mir einen entscheidenden Grund für den Höhenflug der Saison 2018/19 zu nennen.

Wenn ich nur einen Grund nenne, wäre der Sache nicht Genüge getan. Ich denke, dass es drei ganz wichtige Säulen gibt, die unseren aktuellen Erfolg tragen. Zum einen ist es der begeisternde Zusammenhalt aller. Da rede ich von der Mannschaft, den Fans, den Sponsoren und natürlich zähle ich auch uns als Leitung der GmbH dazu. Und es ist wirklich so, dass man in strahlende Gesichter schaut, wenn so ein Spiel vorbei ist, da liest man die Begeisterung bei allen Beteiligten ab, die wirklich auch alle an einem Strang ziehen. Der zweite Punkt ist die Mannschaft. Es ist die beste, die wir seit vielen Jahren am Start hatten, von der Breite und auch von der individuellen Qualität her. Das sage ich nicht erst jetzt, da vieles großartig gelaufen ist, schon beim Saisonstart hatte ich diese Prognose gewagt. Als dritten Grund erwähne ich gern, dass wir auf der Torhüterposition überragend besetzt sind. Wir hatten einen No-Name-Keeper aus der dritten Liga von Preußen Berlin geholt, in der Hoffnung, dass er in zwei, drei Jahren reif ist für die DEL 2. Aber dieser Olaf Schmidt hat uns eines Besseren belehrt, denn man kann ihn guten Gewissens als unseren Shooting-Star bezeichnen. Was sicher auch damit zu tun hat, dass wir uns einen Torwarttrainer leisten, weil wir auch erkannt haben, dass die Torhüterposition in dieser Spielklasse absolut entscheidend für Punktgewinne ist.

Zur Erfolgsbilanz der Füchse im Spieljahr 2018/19 gehört Trainer Corey Neilson, den zuvor kaum jemand kannte. Wie ködert man als kleines Weißwasser einen kanadischen Coach in die Provinz am Rande des ostdeutschen Bundeslandes Sachsen?  

Corey ist gerade Trainer des Jahres in der DEL 2 geworden, er ist der vierte Grund für unsere erfolgreiche Saison. Er war und ist ein renommierter Trainer, den aber vor seinem Amtsantritt bei uns hier fast keiner kannte. Genau deshalb war auch ich damals in Erklärungsnot geraten. Bei uns sind, zu der Zeit, als wir einen Trainer gesucht haben, 25 Bewerbungen eingegangen. Was zugleich aber zeigt, dass „Hockeytown Weißwasser“ inzwischen schon gut bekannt ist. Auch, weil wir unsere Philosophie vor rund fünf Jahren nochmals modifiziert haben und wir für junge Spieler das Sprungbrett für eine Karriere bereiten wollen. Von Corey war bekannt, dass er in den zehn Jahren, die er in England tätig war, ebenfalls dieser Philosophie nachgeht. Dass er mit schon gestandenen Spielern ebenfalls gut kann und diese weiter voranbringen möchte, auch das war uns bekannt. Ich will aber auch anfügen, dass wir in der Frage der Trainersuche mit den Eisbären eine gute Partnerschaft und eine sehr gute Unterstützung erlebt haben. In der finalen Phase der Trainersuche war Corey Neilson unter unseren Top-Drei und natürlich sind wir heute mehr als zufrieden damit, dass wir offensichtlich genau den Richtigen ausgewählt haben.

Zu unser aller Glück und Freude haben sich die Füchse nun ganz weit oben in der Tabelle eingenistet. Es mag schwer für Sie sein, einen Tipp abzugeben, bis in welche Runde der Playoffs die Überraschungsmannschaft der Saison noch dabei ist. Von heute bis zum Tag, an dem die Leute ihre Vision hier im „Hermann“ lesen, werden Wochen vergehen. Wollen Sie dennoch einen öffentlichen Tipp wagen?

Die Zeichen stehen nicht schlecht. Wir wissen aber auch, dass in den Playoffs wirklich alles passieren kann. Aber die Saison hat gezeigt, dass wir nicht etwa zufällig da oben stehen. Einfach, weil wir in der Lage sind, gute bis sehr gute Leistungen abzurufen und somit ansehnliche und erfolgreiche Spiele abliefern können. Wir vertrauen auf die Serie „Best of Seven“, weil wir davon überzeugt sind, dass niemand vier Spiele absolut zufällig gewinnt. Aber es wird eben auch wichtig sein, dass unsere jungen Spieler nicht zu nervös werden. Insofern bin ich schon davon überzeugt, dass wir auch im April 2019 hier in Weißwasser noch Eishockey sehen werden.

Was macht eine solche Saison mit dem Menschen Rohrbach, der alle Facetten des Eishockeysports erfolgreich durchlebt hat. Sie waren schon als Aktiver in der 2. Bundesliga unterwegs und hatten als Füchse-Trainer 2010 mit der Play-off-Teilnahme einen Traumstart. Inzwischen haben Sie als Geschäftsführer alle Fäden in der Hand. Sehnen Sie sich eigentlich nach den alten Zeiten, in denen Sie auf dem Eis und später hinter der Bande diesen Sport gelebt haben?

Erst einmal muss ich wirklich sagen, dass alle drei Positionen sehr reizvoll sind. Auffällig war in der Zeit als Spieler, dass man da die meiste Freizeit hatte. Auch war die individuelle Verantwortung nicht so groß, wie sie in den späteren Ämtern war. Als Trainer hat das Thema Verantwortung einen weit größeren Stellenwert. Dabei war es immer wichtig, sich in die Lage der Spieler hineinzuversetzen. Was mir zwar nach meinen 15 aktiven Jahren nicht schwergefallen ist, aber man darf dann natürlich nicht mehr der Kumpeltyp von früher sein, Achtung und Respekt darf man dann von seinen Spielern schon einfordern. Dieser Abstand muss einfach da sein, wenn man Erfolg haben will. Was die Arbeitszeit betrifft, ist die des Trainers noch relativ gut geregelt. Sie ergibt sich durch die Trainingstermine und natürlich durch den Spielplan mit den Ansetzungen der eigenen Mannschaft speziell auch der Partien in den fremden Eisstadien. Als Geschäftsführer trage ich heute natürlich die größte Verantwortung. Da müssen die Finanzen stimmen, und im sportlichen Bereich ist meine Verantwortung ja auch nicht klein. Aus diesem Grund sind meine Tage gut mit Arbeit gefüllt, hinzukommen ja auch noch meine Ehrenämter. Ich bin ja seit 15 Jahren im Vorstand unseres Stammvereins ES Weißwasser, bin seit fast zehn Jahren Stadtrat und nicht zuletzt habe ich noch eine kleine Firma hier in Boxberg und in Jänschwalde. Aber ich will nochmals auf den Kern Ihrer Frage zurückkommen. Alle drei Funktionen im Eishockey haben mir Spaß und Freude gebracht. Eishockey ist eben mein Leben. Mein Opa war Gründungsmitglied im Jahre 1932 und er hat mich als Dreijährigen schon mit auf den Braunsteich geschleppt, was ich gar nicht einmal richtig wollte. Aber er hat sich durchgesetzt und mit mir Schlittschuhlaufen geübt und so ganz nebenbei und unbemerkt mich mit dem „Eishockey-Virus“ infiziert. Insofern bin ich ihm bis heute sehr, sehr dankbar.

Gestatten Sie sich angesichts vieler Veränderungen, die die politische Wende auch bei Ihrem Sport herbeigeführt hat, gelegentlich an die alten Zeiten zurückzudenken? Ich meine nicht die unsäglichen Mini-DDR-Meisterschaften mit nur zwei Vereinen. Eher an die Gesamtstruktur dieser Sportart.

Mitunter denkt man schon daran. Vieles war zwar gesteuert, aber es war auch nutzbringend organisiert. Beim Thema Nachwuchs tun sich ja riesige Unterschiede auf. Früher hatten wir in der Sportschule eine Eishockeyklasse, die ihren Sportunterricht auf dem Eis abgehalten hat, zusätzlich wurde dreimal pro Woche auch am Vormittag trainiert. Alles war zugunsten unserer Sportart abgestimmt. Heute ist die Schule das eine und der Sport das andere. Es läuft parallel, während früher alles miteinander verknüpft war. Sie können sich vorstellen, dass ich da heutzutage schon ein wenig neidisch auf die Standorte Dresden, Chemnitz oder Berlin schaue, weil es dort eben auch heute noch Sportschulen mit den dazugehörigen Internatsplätzen gibt. Hier bei uns können wir dank der Unterstützung der Wohnungsbaugesellschaft glücklicherweise Wohneinheiten für 18 auswärtige Schüler anbieten. So haben wir in unserer neuen Eisarena für jede Nachwuchsmannschaft eine eigene Kabine bereitstellen können, so etwas gab es natürlich früher nicht. Also gibt es schon hier und da große Unterschiede.

Bemerkenswerterweise werden auch unter den heutigen Bedingungen recht viele Spieler, die aus dem ESW-Nachwuchs kommen, ins Team der Profis integriert. Lediglich eine stets überschaubare Anzahl der Zugänge kommt aus dem Ausland. Kennen diese Spieler die Strukturen der DEL, in denen ja festgeschrieben ist, dass erst in der Saison 2020/2021 ein Playoff-Sieger der DEL 2 ins Oberhaus aufsteigen kann oder staunen die Interessenten, dass es ja bis dahin nur um Ruhm und Ehre geht – nicht aber um den Aufstieg?

Wir müssen sogar noch einen Schritt weiter gehen, denn auch nach 2021 können wir selbst dann nicht aufsteigen, wenn wir Meister werden. Unsere Rahmenbedingungen geben es einfach nicht her. Unsere Halle ist zu klein und auch das Saisonbudget für die DEL könnten wir, trotz aller gut gemeinter Bereitschaft unserer treuen Fans und Sponsoren, niemals aufbringen. Und genau das wissen auch alle Spieler, die zu uns kommen. Ihr Anspruch ist es in erster Linie, sehenswertes Eishockey für die Zuschauer zu bieten, um deren Lebensfreude zu steigern. Gleichzeitig wollen sich die Spieler mit sehr guten Leistungen für die Clubs der DEL anbieten. Und da sind wir schon bei einem wichtigen Thema, nämlich der Zusammenarbeit mit den Berliner Eisbären. Wir können da in unserem Fall wirklich von einem Sprungbrett reden, das wir den Spielern bereitstellen, damit diese dann anderswo erfolgreich anheuern können.

Dirk Rohrbach: „Man darf natürlich nicht mehr der Kumpeltyp von früher sein.“ Foto: GZ

Dirk Rohrbach: „Man darf natürlich nicht mehr der Kumpeltyp von früher sein.“ Foto: GZ

Gibt es Beispiele, die genau diesen Weg erfolgreich gegangen sind?

Der Torhüter Dustin Strahlmeier ist so sein Beispiel. Der kam 2012 vom SC Bietigheim-Bissingen für zwei Jahre zu uns, heute ist er National-Keeper und wurde im vorigen Jahr DEL-Torhüter des Jahres. Er war halt einer, der bei den anderen nicht so im Fokus stand. Wir dagegen waren der Meinung, dass er mit seinen damals 20 Jahren sehr wohl noch entwicklungsfähig ist. Und genau diesen Weg werden wir auch in der Sommerpause dieses Jahres weitergehen. Geld für Superstars haben wir nicht und werden wir wohl auch niemals haben, also setzen wir auf entwicklungsfähige junge Leute, denen wir es natürlich schmackhaft machen müssen, in unser eher kleines und beschauliches Weißwasser fernab aller Großstädte zu kommen.

Dennoch dürfte angesichts der so guten Füchse-Saison 2018/19 die Zahl derer größer werden, die sich für ein Engagement bei den Füchsen interessieren. Rechnen Sie ab Mai mit einem Boom von Interessenten?

In dieser Hinsicht konnten wir uns schon in den letzten Jahren nicht beklagen. Es hat sich offenbar herumgesprochen, übrigens sogar bis in die DEL, dass es hier ein geordnetes Umfeld gibt. Dazu kommt die Wertschätzung, die unsere Sportler genießen. So wäre ein Joel Keussen wohl nie, von den Krefelder Pinguinen kommend, bei uns gelandet, wenn wir nicht einen so guten Leumund hätten. Dazu gehört eben auch, dass wir die Spieler in vielen Dingen im wahrsten Sinne des Wortes an die Hand nehmen. Besuche beim Arzt, die Kontoeröffnung, kleine Reparaturen oder Ergänzungen in der jeweiligen Wohnung – immer ist jemand beratend und helfend an der Seite der Spieler, die sich wirklich nur um den Eishockeysport kümmern müssen. Am Ende können sie sich bei uns fühlen, wie bei Muttern zu Hause.

Wir haben die Zusammenarbeit der Füchse mit den Eisbären bereits gestreift. Doch auch mit einem Verein einer anderen Sportart, der 50 Kilometer entfernt beheimatet ist, gibt es Kontakte. Wir würden Sie diese derzeit bewerten?

Nun, es mag nicht alles nach außen dringen, was es an Miteinander hinter den Kulissen gibt. So kann ich Ihnen sagen, dass ich mich dieser Tage mit Energie-Präsident Werner Fahle getroffen habe, um einmal zu aktualisieren, was wir schon miteinander tun und was wir künftig noch intensivieren sollten.

Ist an der Stelle der Gedanke an ein Freiluftspiel im „Stadion der Freundschaft“ geboren worden?

Nein. Diese Gedanken gab es schon lange vorher. Schon 2016, als das erste Winter-Game in Dresden ausgetragen wurde, hatten wir überlegt, ob so etwas nicht auch in Cottbus machbar wäre. Wir hatten darüber auch mit Dieter Krein gesprochen, der ja als früherer Energie-Präsident einen guten Einblick hat. Er ist ja bei uns jetzt der Chef des Beirats, so dass er auch unsere Belange gut kennt. Aber abgesehen vom Thema Freiluftspiel sind wir uns schon dessen bewusst, dass Energie Cottbus und auch wir zwei Leuchttürme der Region sind. Nach den Jahren, in denen das Miteinander nicht immer so ganz ideal war, wollen wir wieder etwas enger zusammenarbeiten, ein Freiluftspiel wäre da nur ein Thema. Es gibt ja einige Gemeinsamkeiten mit den Fußballern, bei denen ich auch mehrmals in der Saison zu Gast bin. Wir werden teilweise von den gleichen Sponsoren unterstützt, wir haben Fans, die auch regelmäßig zum Fußball fahren. All das verbindet, wir müssen da nicht künsteln. Ich erinnere mich bei diesem Thema auch an die Vergangenheit. Beide Vereine gehörten zum Bezirk Cottbus und haben in diesem Bezirk jeder auf seine Art den Menschen sehenswerten Sport geboten.

Im Jahr 1989 wurde die innerdeutsche Grenze eingerissen und es wurden, wie Sie offenbar bedauern, Ländergrenzen gezogen. Wie sehr bremst sich diese neue imaginäre Linie? Den Zuschauern scheint es egal zu sein, denn fast wie früher kommen Cottbuser in die Arena zu den Spielen der Füchse?

Ich bedauere nicht, dass es Ländergrenzen gibt, aber Bildung ist Ländersache und daraus ergeben sich dann buchstäblich Grenzen. Die Sportstadt Cottbus hat die Lausitzer Sportschule. Wir sind zwar die Lausitzer Füchse, aber allein die Namensgleichheit sagt nicht etwa aus, dass es dort auch eine Eishockeyklasse gibt, die wir uns wünschen würden. Ich nenne Ihnen mal ein ganz praktisches Beispiel. Unser U-17-Nachwuchs kommt beispielsweise nachts vor oder mitunter auch weit nach Mitternacht vom Auswärtsspiel in Köln heim. Um 7 Uhr müssen sie aber schon wieder los zum Schulunterricht. In einer Sportschule orientiert sich der Unterricht auch an den Spiel- oder Wettkampfplänen der Schüler, darum beginnt die Schule für solche Sportler eben erst um 10 Uhr. Nun muss man ja nicht alles neu erfinden, aber sich an Dingen, die es schon gab, zu orientieren, ist dagegen erlaubt und oft auch sinnvoll. Vielleicht könnte man beim Thema Strukturwandel auch diese Sache wohlwollend überdenken. Sachsen und Brandenburg sind gleichermaßen betroffen, deshalb sollten neue Gedanken durchaus erlaubt sein, was die Beschulung des sächsischen Eishockeynachwuchses in einer Sportklasse der Lausitzer Sportschule betrifft.

In welcher Rolle sehen Sie sich mit Ihrem Verein innerhalb der Stadt Weißwasser?

Wir haben hier kein Kino, auch kein Theater, also sind wir es, die mit unserem Sport freizeitliche Ansprüche bedienen, zumindest für sportinteressierte Menschen. Aber ich denke natürlich auch unternehmerisch und sage klipp und klar, dass die Stadt sich glücklich schätzen kann, von uns einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Steuereinnahmen zu erhalten. Und weil dies so ist, würde ich mir hier und da etwas mehr Verständnis für unser Tun wünschen. Wir wollen nichts geschenkt haben, nur weil wir die Lausitzer Füchse sind, aber etwas mehr Anerkennung täte uns mitunter wirklich gut.

Interview: Georg Zielonkowski
Titelfoto: Die Mannschaft. Foto: Füchse

 

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