Jung, kraftvoll, kreativ – das 29. FilmFestival Cottbus zeigt aufstrebendes osteuropäisches Kino

Die Tür steht für einen Moment einen Spalt offen – und Jimi nutzt seine Gelegenheit. So schnell ihn seine kurzen Beine tragen, läuft er davon und überwindet die innerzypriotische Grenze, die Griechenland und die Türkei trennt. Seinem Herrchen, dem erfolglosen Musiker Yiannis, gespielt von „Soul Kitchen“-Star Adam Bousdoukos, bereitet das niedliche Hündchen damit ein weiteres Problem. Denn: Ein EU-Gesetz verbietet Tieren strikt, von der türkischen auf die griechische Seite der Grenze einzureisen… Dabei will Yiannis nur weg aus Nikosia, aber eben nicht ohne Jimi.
Diese Szene aus SMUGGLING HENDRIX, dem Spielfilmdebüt von Regisseur Marios Piperides, können Festivalgäste am 5. November 2019 auf der großen Leinwand erleben, wenn das FilmFestival Cottbus (FFC) seine 29. Ausgabe im Großen Haus des Staatstheater Cottbus und im Weltspiegel eröffnet.

Neue Länder im Programm

„Der von Griechenland, Zypern und Deutschland koproduzierte Film versinnbildlicht die Erweiterung des Territoriums des FilmFestival Cottbus, das ab diesem Jahr auch Arbeiten aus Finnland, der Türkei und Griechenland zeigt“, sagt FFC-Programmdirektor Bernd Buder. „Zu diesem gedanklich weiter gefassten Osteuropa passt SMUGGLING HENDRIX, der an der Trennline zwischen dem griechischen und dem türkischen Teil Zyperns und damit auch zwischen Europäischer Union und Nicht-EU spielt.“

In seinen vier Wettbewerben und in elf weiteren Sektionen zeigt das FFC bis an sechs Tagen knapp 200 Filme, die um ein Preisgeld von etwa 80.000 Euro und die begehrte Preisskulptur LUBINA (sorbisch: die Liebreizende) konkurrieren.
Diese wird im wild pochenden Herzen des FFC, dem renommierten Wettbewerb Spielfilm, vergeben. In einem Dutzend Werken, die hochaktuellen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung tragen, setzen sich die Nominierten den gestrengen Augen der fünfköpfigen internationalen Jury aus, die die Sieger kürt.
Selten prägten junge Filmemacher einen Jahrgang so, wie es das FFC in diesem Jahr erfährt. Diese neue Generation, deren Biografien von Umbrüchen geprägt sind, schickt sich an, wie eine Welle alle mitzureißen und die großen Leinwände der Welt zu erobern. Das FFC, das mit seiner Strahlkraft seit fast 30 Jahren den Weg für das ost- und mittelosteuropäische Kino bereitet, ist dafür der perfekte Ausgangspunkt.
Eine Besonderheit im Wettbewerb Spielfilm der diesjährigen Festival-Edition stellen die 45-sekündigen Kurzfilme dar, die jedem Film vorangehen. Diese filmischen Protestnoten stammen aus der vom Goethe-Institut initiierten Reihe CUT IT OUT – FILMS AGAINST CENSORSHIP, mit der sich bekannte Filmemacher kreativ auf unterschiedliche und eigenwillige Art gegen Zensur positionieren.

This is where i meet you. Foto: HFF Muenchen 2

This is where i meet you. Foto: HFF Muenchen 2

Im Weltspiegel steht am Festival-Freitag „Die Lange Nacht der kurzen Filme“ auf dem Programm – traditionell ein Höhepunkt der Festivalwoche. In zwei aufeinanderfolgenden Vorführungen präsentiert das FFC die Auserwählten seines internationalen Wettbewerb Kurzfilm. Einer Achterbahnfahrt gleich, durchleben die Zuschauer darin Dramen, große Emotionen, Schrecken, Furcht und Liebe in kurzen Meisterwerken. Die Kurzfilme stoßen weder stilistisch noch inhaltlich an (Genre-)Grenzen und setzen oft Trends. Immer wieder kehren innovative Filmemacher, die hier begeistern, mit ihren Langfilmen zum FFC zurück.
Mit dem U18 Wettbewerb Jugendfilm richtet sich das FFC an heranwachsende Menschen. Die gezeigten Filme, häufig unter der Regie junger Filmschaffender entstanden, versetzen sich in deren Lebenswelten. Sie greifen Sorgen und Nöte ebenso auf wie die Suche nach der eigenen Identität oder der großen Liebe. In seiner 2019er-Ausgabe lässt das FilmFestival Cottbus erstmals Werke aus dem gesamten FFC-Territorium für den U18 Wettbewerb Jugendfilm zu. Einen deutschen Beitrag präsentiert das FFC-Partnerfestival Max-Ophüls-Preis (Saarbrücken): THIS IS WHERE I MEET YOU von Katharina Ludwig. Die Stralsunder Regisseurin lässt in ihrem Abschlussfilm ihr Ensemble um Hauptdarstellerin Helene Blechinger oft improvisieren, um eine große Authentizität herzustellen. Über die Preisträger des U18 Wettbewerb Jugendfilm entscheidet eine trinationale Schülerjury.

Montenegro und Mauerfall

Elf Filmreihen flankieren die Wettbewerbe des FFC. Anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls spürt das Festival mit der Reihe „Bleibt alles anders“ dem Filmschaffen der 1990er-Jahre in (Ost-)Deutschland, Polen, der Slowakei und Tschechien nach. Weiter richtet das FilmFestival Cottbus mit dem Spotlight: Montenegro seinen Blick auf das bisher wenig bekannte Filmland Montenegro und dessen Kino der Gegensätze. Auch dort schreiben, dank des 2017 gegründeten Film Centre of Montenegro, junge Filmemacher die Filmgeschichte des erst seit 2006 unabhängigen Landes weiter.
Als ebenso spannend erweist sich das gegenwärtige Kino in Ungarn, dem das FFC die Reihe Close Up HU widmet. Nach der Übernahme der Regierungsverantwortung durch Viktor Orbán und der Fidesz-Partei wurde die staatliche Filmförderung neu strukturiert. Die ungarische Filmszene bewegt sich – wie das Land – zwischen Extremen, ebenso zwischen Populismus und Protest, zwischen Independent-Filmen und geförderter Filmkunst.

Beim 29. FilmFestival Cottbus erfahren Kinobesucher aus erster Hand über die Länder des europäischen Ostens, lernen deren aktuelle politische Kultur ebenso wie deren Geschichte, Brüche und Umbrüche kennen.

Dennis Demmerle

 

29. FilmFestival Cottbus
5. bis 10. November 2019
Der Ticketvorverkauf für das 29. FilmFestival Cottbus beginnt am 17. Oktober 2019.
Alle Infos: www.filmfestivalcottbus.de

Hier ein Rückblick zum letzten Jahr

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